| Vortrag von Reinhard Thiele (Cuba sí) anlässlich des ACPA-Cuba Sí Workshops über Nachhaltigkeit an den Milchprojekten. 28.11.bis 30.11.2006, Havanna, Kuba
Thema: Solidarität statt Blockade. 15 Jahre Zusammenarbeit ACPA-Cuba Sí.
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,
verehrte Gäste,
Die Europäische Union ist mit einem Anteil von 40 % am Weltmilchmarkt der größte Anbieter von Milchprodukten. Mit der von der Europäischen Union betriebenen Subventionspolitik von ca.50% bei Milchexporten wird Dumping im großen Stil betrieben. Hunger und Armut werden damit für die Europäische Union zum Exportschlager in die Dritte Welt. In Senegal beispielsweise kostet ein Liter Milch aus subventioniertem EU-Milchpulver 160 Franc CFA; ein Liter Milch aus lokaler Produktion dagegen 350 bis 400 Franc CFA.
Andererseits existiert in der Europäischen Union eine milchquotenbedingte jährliche Überproduktion von 20 Prozent des inländischen Verbrauchs, was zu einem dauerhaft niedrigen Weltmarktpreis führt und den EU-Milchexport zusätzlich verteuert.
Milchproduzenten aus der Dritten Welt wird so der Zugang zum Weltmarkt unmöglich gemacht. Aber auch für die Bauern in Europa ist diese Politik existenzbedrohend, denn die von der EU festgelegte Milchquote wird ständig ausgeweitet und führte dazu, dass die Bauern 2004 gerade mal 23 Cent für den Liter Milch bekamen, ein historischer Tiefstand.
Die von der EU-Milchquote verursachte Überproduktion an Milch hat aber noch einen herausragend destruktiven Effekt: Bei einer jährlichen Produktion von 120 Millionen Tonnen Milch in der EU kommt es zu einem konstanten Überschuss von 9 Millionen Tonnen Milch. Was dazu führt, dass der so genannte Milchpulverberg der Europäischen Union ständig wächst, jetzt bei über 300 000 Tonnen Magermilchpulver liegt und zusätzlich Millionen Euro allein an Lagerkosten verursacht. Um diese Bestände abzubauen, wird das unverkäufliche Milchpulver dem Viehfutter beigemischt.
Ich habe diese Fakten an den Anfang meines Vortrages gestellt, um angesichts des Workshopthemas keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nicht Kuba oder die Länder des Südens haben gravierenden Nachholbedarf in Sachen nachhaltiger Entwicklung, sondern zuerst sind die Industrienationen gefordert!
Wir von Cuba Sí kommen aus einem Land, welches maßgeblich die bestehende ungerechte Weltwirtschaftsordnung zu verantworten hat und an dieser partizipiert.
Dessen Regierung mit schönen Worten die Nachhaltigkeit anpreist, jedoch real ein System der Ausplünderung und Ausbeutung der Dritten Welt und der natürlichen Lebensgrundlagen mitträgt, Almosen verteilt, unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung Waffen und Soldaten exportiert um Rohstoffe und Macht zu sichern und eine internationale Politik der Einmischung und der Bedingungen betreibt. Diese Politik verurteilen wir, gemeinsam mit unserer Partei, der Linkspartei.PDS, der größten sozialistischen Partei in Deutschland, sowie mit vielen anderen fortschrittlichen Kräften. Gleichzeitig sind wir auf der Suche nach zukunftsfähigen Lösungen. Deshalb sind wir hier, um mit Euch über eine andere, gerechte und damit nachhaltige Politik nicht nur zu diskutieren, sondern in einer sozialistischen Gesellschaft zu praktizieren.
Nicht Kolumbus gehört für uns zu den Helden der Geschichte, sondern Simon Bolívar, José Martí und Ernesto Che Guevara. In deren Sinne wollen wir von diesem Workshop wichtige Impulse mit nach Deutschland nehmen. Wir hoffen aber auch, dass unsere Teilnahme zum Erfolg dieser Veranstaltung und vor allem der Milchprojekte hier in Kuba beiträgt.
Der Gipfel der Vereinten Nationen (UN) über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro und insbesondere die aufsehenerregende Rede von Fidel Castro, hatten entscheidende Auswirkungen auf die Arbeit von Cuba Sí. „ Durch die schnelle und unwiderrufliche Ausrottung der natürlichen Ressourcen ist eine wichtige biologische Art kurz davor auszusterben: der Mensch“, begann Fidel seine dramatische Rede in Rio, in der er die koloniale und imperialistische Politik der Konsumgesellschaften in der Ersten Welt anprangerte, deren katastrophale Folgen für die gesamte Menschheit benannte und eine sofortige radikale Änderung dieser Politik einforderte.
Auf diesem Gipfel beschlossen 180 Staaten ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Diese so genannte Agenda 21 gilt seitdem als Leitpapier für eine nachhaltige Entwicklung. Dass der Zeitpunkt der Verabschiedung der Agenda 21 zusammen fällt mit dem Beginn der Zusammenarbeit zwischen ACPA und Cuba Sí, ist ein Zufall.
Fest steht, dass damit Fragen einer nachhaltigen Entwicklung an den Milchprojekten von Anfang an einen wichtigen Stellenwert einnahmen und zunehmende Bedeutung erlangten. Ich erinnere mich an Auseinandersetzungen mit unseren kubanischen Projektleitungen. Die Kluft zwischen Anspruch und realen Möglichkeiten wie auch Spielräumen schien manchmal unüberwindbar.
Vergessen wir dabei nicht, dass Menschen aus zwei unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen trafen, jede und jeder mit seinen spezifischen Erfahrungen, Ansprüchen, Gewohnheiten, Stärken und Schwächen. Das vereinfachte nicht gerade unsere Diskussionen. Trotzdem, wir haben immer wieder zueinander gefunden. Vertrauen, Akzeptanz, Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt ließen Freundschaften entstehen und schufen wichtige Grundlagen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. ACPA und Cuba Sí ist so zu einer großen Familie geworden, und genau so fühlen wir uns auch, wenn wir hier bei Euch sind.
Liebe Freundinnen und Freunde,
In der internationalen Debatte gibt es unterschiedliche Definitionen und Interpretationen zur Nachhaltigkeit und zur nachhaltigen Entwicklung. In Vorbereitung auf diesen Wokshop hat sich Cuba Sí mit diesen Fragen sehr intensiv auseinandergesetzt. Ohne die Ausführungen unseres Freundes Dr. Edgar Göll vorweg zu nehmen, möchte ich an dieser Stelle einige Positionen von Cuba Sí darlegen:
Nachhaltige Entwicklung bedeutet nach unserer Auffassung, unser gesamtes Handeln so zu organisieren, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt werden ohne die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu beeinträchtigen. Das kann nur durch das gleichzeitige und gleichberechtigte Umsetzen von ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen erfolgen. Dabei können diese drei Dimensionen unterschiedlich gewichtet sein. Entscheidend ist, dass alle drei Dimensionen zusammen gedacht werden. Nachhaltige Entwicklung ist ein Prozess, dessen Ziel die Nachhaltigkeit, also die dauerhafte Existenzfähigkeit der Erde und Ökosysteme in Verbindung mit der Erfüllung der Grundbedürfnisse aller Menschen und zukünftigen Generationen ist.
Nach unserer Überzeugung ist diese Herangehensweise ein zutiefst sozialistisches Prinzip. Demzufolge kann diese Jahrhundertaufgabe der Menschheit nur in einer sozialistischen Gesellschaft erfolgreich verwirklicht werden. Sozialismus oder Barbarei, benannte Rosa Luxemburg vor hundert Jahren die Alternative, die heute aktueller denn je ist. Neoliberalismus, Unterentwicklung, zügellose Ausbeutung des Menschen, Ausplünderung der natürlichen Ressourcen, ungerechte Austauschverhältnisse, Kriege, Auslandsverschuldung, ein ungezügelter Markt, Hunger und Armut, Blockaden, sind die Merkmale eines heute hemmungslos agierenden Kapitalismus. 1,2 Milliarden Menschen auf unserer Erde leben in extremer Armut, das Einkommen in der Ersten Welt beträgt das 74fache der Dritten und Vierten Welt, jährlich sterben 5 Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten, 854 Millionen erwachsene Menschen können nicht Lesen und Schreiben.
Diese Zahlen beweisen, was die Unterschriften der kapitalistischen Industrieländer unter die Agenda 21, das Kyoto-Protokoll oder den Johannesburg-Aktionsplan Wert sind. Das Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung widerspricht diametral den kapitalistischen Profitinteressen. Es wird immer offensichtlicher, dass der Kapitalismus nicht in der Lage ist, das Überleben der Menschheit zu sichern. Es ist mir an dieser Stelle ein aufrichtiges Bedürfnis, liebe Freundinnen und Freunde, meine Hochachtung und meinen Respekt gegenüber dem sozialistischen Kuba zum Ausdruck zu bringen. Kuba wehrt sich seit 46 Jahren gegen die terroristische Blockadepolitik der USA und ist trotzdem ein lebendiger Beweis, dass eine andere, eine gerechte Politik möglich ist. Kuba ist damit Hoffnung und trägt gleichzeitig eine große Verantwortung. Für uns von Cuba Si ist es ein Privileg, mit den Milchprojekten Kubas Entwicklung zu mehr Sozialismus nachhaltig unterstützen zu können.
Mit der Gründung von Cuba Sí im Juli 1991, liebe Freundinnen und Freunde, starteten wir in Deutschland die Solidaritätskampagne „Milch für Kubas Kinder“. Wir kannten den Vertrag zwischen der DDR und Kuba, der auf gerechter Austauschbasis die jährliche Lieferung von 22 000 Tonnen Milchpulver nach Kuba gewährleistete. Welche Konsequenzen mit dem abrupten Wegfall dieser Lieferungen für Kuba verbunden waren, konnten wir nur ahnen. Die Regierung des vereinten Deutschlands annullierte damals sämtliche Verträge die zwischen Kuba und der DDR bestanden, jegliche staatliche Zusammenarbeit wurde eingestellt. Kuba war das einzige Land, mit dem die deutsche Regierung so brutal umgegangen ist, übrigens im Widerspruch zum so genannten Einigungsvertrag zwischen der damaligen DDR und BRD-Regierung. Gegen diese eindeutig respektlose Politik wollte Cuba Sí ein Zeichen setzen. Auf unsere Anfrage bei der Europäischen Union, ob wir überschüssiges EU-Milchpulver kaufen und nach Kuba schicken könnten, erhielten wir die zynische Antwort: Ja das wäre möglich, aber das Milchpulver sei nur für die tierische Ernährung geeignet. Unsere Proteste stießen bei der EU und der deutschen Regierung auf Ignoranz.
Spätestens jetzt wussten wir, dass die Regierung unseres Landes eine feindselige Politik gegenüber Kuba betreibt und sich den Zielen der USA-Blockadepolitik unterordnet.
Von den ersten Spendengeldern für die Solidaritätsaktion „Milch für Kubas Kinder“ kauften wir das Milchpulver gezwungenermaßen in Australien und in Kanada. Der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Zum damaligen Zeitpunkt, also 1991 und 1992, waren wir positiv überrascht von der breiten Resonanz auf die Solidaritätsaktionen von Cuba Sí in Teilen der deutschen Bevölkerung. Verkündeten die Herrschenden in Europa und den USA doch gerade das Ende der Geschichte und damit den endgültigen Sieg des Neoliberalismus, Kuba auf kurz oder lang natürlich eingeschlossen. In dieser Phase überlegten wir, wie wir Kuba wirksamer unterstützen, wie wir eine direktere Verbindung zwischen politischer Solidarität und konkreter Verbesserung der Lebensbedingungen der kubanischen Menschen erreichen können. Die angespannte ökonomische Situation in Kuba erforderte einerseits wirksame Soforthilfe, andererseits sollten auch Perspektiven aufgezeigt werden.
Gleichzeitig waren wir Realisten genug, uns nicht am Umfang der staatlichen Unterstützung durch die DDR zu messen, dessen Ziele und Inhalte analysierten wir jedoch kritisch. So kamen wir zu der Schlussfolgerung, dass diese Hilfe durchaus vorteilhaft für Kuba war, aber auch Abhängigkeiten schaffte die dazu beitrugen, dass Kuba, nach dem Zusammenbruch der DDR und des sozialistischen Lagers, in eine dramatische ökonomische Krise geraten ist. Hilfe zur Selbsthilfe unter stärkerer Nutzung und Wiederbelebung der eigenen Potentiale und Ressourcen Kubas wurde von da an zum wichtigen Leitfaden der Arbeit von Cuba Sí. Die bisherige Form karitativer Hilfe rückte immer mehr in den Hintergrund, obwohl Cuba Sí, besonders in den 90er Jahren, Hunderte Container mit lebenswichtigem Material, Bussen und Maschinenausrüstungen weiterhin nach Kuba spendete.
Diese Hilfe war damals sinnvoll und notwendig, denn es ging um das Überleben der kubanischen Revolution. Heute hat sich die kubanische Wirtschaft stabilisiert, die Wachstumsraten sind beachtlich und der mit ALBA eingeleitete Prozess der lateinamerikanischen Integration eröffnet auch für Kuba neue Entwicklungsperspektiven. Sachspenden haben dank dieser positiven Entwicklungen an Priorität verloren. Ein gezielter Einsatz solcher Sachspenden, der sich an den konkreten Bedürfnissen und an qualitativen Kriterien orientiert, ist jedoch nach unseren Erfahrungen weiter sinnvoll, so wie wir es seit Jahren an den Milchprojekten praktizieren.
Mit der Solidaritätskampagne „Milch für Kubas Kinder“ verbindet Cuba Sí eine herausragende soziale Leistung der kubanischen Revolution: der garantierte tägliche Liter Milch für jedes kubanische Kind von 0 bis 7 Jahren. Milch hat mit ihren lebenswichtigen Inhaltsstoffen eine besondere Bedeutung für die menschliche Ernährung und unterstützt die Widerstandsfähigkeit bei Infektionskrankheiten. Das waren 1992, zu Beginn der Spezialperiode, weitere wichtige Gründe für Cuba Sí zu überlegen, wie die Solidaritätskampagne „Milch für Kubas Kinder“ nachhaltig weitergeführt werden kann.
So konsultierten wir kubanische Spezialisten und fanden sofort im Landwirtschaftsministerium, an der Agraruniversität, in verschiedenen Agrarinstituten und nicht zuletzt bei der ACPA offene und kompetente Partner.
Das Pflänzchen einer bis heute andauernden freundschaftlichen und solidarischen Zusammenarbeit zwischen ACPA und Cuba Sí begann sich zu entwickeln. Heute ist dieses Pflänzchen ein kräftiger Baum mit vielen stabilen Ästen und saftigen Blättern, voller wunderbarer Geschichten und Episoden und nicht zuletzt mit beachtlichen Erfolgen. Dr. Elio Perón möchte ich an dieser Stelle besonders danken. Er hat mit seinem fachlichen und politischen Wissen, mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen und menschlicher Güte die Zusammenarbeit zwischen ACPA und Cuba Sí geprägt. Seine Geduld und Offenheit im Umgang mit uns Cuba Sí-Deutschen, mit unseren laienhaften, wohl oft komischen Fragen wie mit unseren Eigenarten, nötigt höchsten Respekt ab.
Viele in dieser Runde werden mir zustimmen, dass der leider viel zu früh verstorbene, unvergessene wie unnachahmliche Rogelio Garcia Villa die Milchprojekte geprägt hat wie kein anderer. Als exzellenter Wissenschaftler, Praktiker und Mensch hat er uns in die „Geheimnisse“ der tropischen und speziell der kubanischen Landwirtschaft eingeführt.
In Deutschland konsultierten wir Wissenschaftler und Spezialisten auf dem Gebiet der tropischen Landwirtschaft. Ein besonderes Verdienst kommt hier Prof. Dr. Schwartz von der Humboldt-Universität in Berlin zu.Gemeinsam mit ihm konzipierten ACPA und Cuba Sí das Pilotprojekt auf der Vaqueria Nr. 40 in der Granja Mina Blanca mit dem Ziel, eine angepasste, weideabhängige Milchproduktion zu installieren. Im März 1993 begann die materielle Umsetzung der vorgesehenen Technologie mit der Vorbereitung des Bodens und der Aussaat von Leucaena, King Grass, Zuckerrohr, Canavalia und Dolichos.
Im Oktober 1993 begann mit 50 Holsteinkühen und 50 Siboneykühen die Nutzung der Weiden. Die hervorragende Arbeit des damaligen Leiters der Vaqueria Nr. 40, Dagoberto Fuentes und seiner Frau Teresa, sowie die exakte wissenschaftliche Erfassung der Projektergebnisse durch Aurelio Alvarez, lieferte wichtige Erkenntnisse, auf deren Grundlage die Projekttechnologie zuerst in der Granja Mina Blanca, ab 1997 in Guantánamo und ab 1999 in Sancti Spiritus umgesetzt werden konnte.
Von Anfang an sind nachhaltige Maßnahmen wie der Neubau bzw. die Rekonstruktion von Wohnungen und die damit verbundene Ansiedlung der Beschäftigten an den Produktionsstätten, des Einsatzes regenerativer Energien, insbesondere Biogas, der Anwendung organischer Düngemittel, der Nutzung tierischer Zugkraft, der Weiterbildung und der Einführung einesleistungsorientierten Lohnsystems, wesentliche Bestandteile der Projektinhalte.
Ziele und Inhalte der Projektzusammenarbeit zwischen ACPA und Cuba Sí orientierten sich stets an der Gesamtstrategie der kubanischen Landwirtschaft und haben sich im Laufe der Jahre neuen Realitäten angepasst.
Auf der Grundlage einer an die ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen in Kuba angepassten Technologie, sollen die Projekte einen Beitrag zur Ernährungssicherheit der kubanischen Bevölkerung, insbesondere der Milchversorgung der Kinder im Alter von 0-7 Jahren sowie alter und kranker Menschen leisten. Als integraler Bestandteil der Projekte spielen Fragen der Verbesserung des sozialen Umfeldes, der ökonomischen Stimuli und zunehmend der Weiterbildung und der demokratischen Teilhabe der Akteure eine zentrale Rolle. Darauf aufbauend sollte dieser Workshop Wege aufzeigen, wie die finanziellen Investitionen, technologischen Veränderungen sowie Maßnahmen im sozialen und Weiterbildungsbereich eine nachhaltige Entwicklung stärker befördern können.
Für Cuba Sí gehören die Milchprojekte zum wichtigsten Arbeitsfeld, denn sie ermöglichen eine integrale Verbindung von politischer, materieller und erlebbarer Solidarität. In diesem Sinne handelt es sich um entwicklungspolitische Projekte. In der deutschen Öffentlichkeit ist die Solidaritätskampagne „Milch für Kubas Kinder“ und deren entwicklungspolitischer Hintergrund ein Begriff. Es handelt sich um die größte Solidaritätskampagne für Kuba in Deutschland und es handelt sich um das wichtigste Solidaritätsprojekt der Linkspartei.PDS, von dessen Leitung, Strukturen und Mitgliedern Cuba Sí vielfältige Unterstützung erfährt. 51 regionale Cuba Sí-Gruppen leisten in ganz Deutschland eine hingebungsvolle Arbeit. Allein die finanziellen Zuwendungen aus Spenden der deutschen Bevölkerung für die Milchprojekte ergeben seit 1993 einen Umfang von über 3,5 Millionen US-Dollar.
Ich betone: die Milchprojekte mit einem durchschnittlichen Gesamthaushalt von 300 000,- US Dollar pro Projekt, ebenso wie die Soforthilfen nach Hurrikankatastrophen oder einige Teilprojekte wie das Sojaprojekt werden ausschließlich aus Spenden der deutschen Bevölkerung finanziert. Nicht ein Cent staatlicher Gelder oder anderer Fördergelder von Stiftungen oder ähnlichen Einrichtungen ist darin enthalten.
Daraus erwächst, nach meiner Überzeugung, eine große politische und moralische Verantwortung, nicht zuletzt gegenüber jedem einzelnen Spender, einen effektiven, nachhaltigen Einsatz der Gelder zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang halte ich es für wichtig zu erwähnen, dass es sich bei den Spenderinnen und Spendern in Deutschland mehrheitlich um Menschen mit geringem Einkommen handelt.
Ich bitte nicht falsch verstanden zu werden: Verwaltung, Einsatz und Abrechnung der Projektgelder erfolgen durch ACPA buchhalterisch absolut exakt und sehr zuverlässig. Worum es uns geht ist, dass sich immer und immer wieder die Frage gestellt werden muss, wie und wo können die Gelder am effektivsten eingesetzt werden. Dafür ist ein hohes Maß an Transparenz und Informationsaustausch notwendig, sowohl an den einzelnen Projekten als auch durch Cuba Sí gegenüber den Spenderinnen und Spendern in Deutschland.
Natürlich gibt es immer wieder objektive oder auch subjektive Gründe die dazu führen, dass eine Projektinvestition nicht den geplanten Effekt erreicht, dass Verzögerungen eintreten etc. Verständlich ist auch, dass keiner darüber gerne berichtet. Die offene Analyse von Fehlentwicklungen ist jedoch absolut notwendig, um erforderliche Schlussfolgerungen ziehen zu können und Wiederholungen auszuschließen. Alles immer und immer wieder in Frage zu stellen ist sowohl ein marxistisches als auch ein nachhaltiges Prinzip. Dessen Nichtbeachtung hat meist schlimme Folgen.
Wir sollten hier analysieren, warum es beispielsweise erhebliche Defizite nach Beendigung des Projektes in Mina Blanca gab und auf der anderen Seite die Projekte in Sabanilla/Sancti Spiritus und Nazareno/Provinz Havanna nach Beendigung positive Wachstumsraten zu verzeichnen haben. An dieser Stelle möchte ich mich für die konstruktive Zuarbeit in Form einer Nachhaltigkeitsstudie von Basilio Echavaría aus Sancti Spiritus bedanken.
Liebe Freundinnen und Freunde,
das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung ist keine Zauberformel die den Erfolg garantiert. Die Milchprojekte verfügen jedoch über wichtige Bedingungen und Voraussetzungen, die eine erfolgreiche Umsetzung ermöglichen. Dazu gehören:
- hervorragend ausgebildete und motivierte Fachkräfte, sowohl im Leitungs- Wissenschafts- und im produktiven Bereich.
- Eine hohe Übereinstimmung der Inhalte und Ziele der Projekte mit der nationalen Politik wie auch mit der Politik auf Provinz- und Kreisebene.
- Gesetzliche Grundlagen.
- Eine entwickelte Infrastruktur.
- Produktionsmittel.
- Ausgeprägtes soziales Denken.
- Resultate aus 13 Jahren Projektarbeit auf technologischem, produktivem, ökologischem und sozialem Gebiet.
- Stabile Spendeneinnahmen, welche die erforderlichen Projektinvestitionen garantieren.
- Ein hoher Grad an politischer Übereinstimmung zwischen den in- und ausländischen Projektpartnern.
Folgende Themen sollten aus unserer Sicht stärker beachtet werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten:
1. Im Bereich der ökonomischen Nachhaltigkeit:
Welche Möglichkeiten hat ein Projektbetrieb um zu erreichen, dass sich die erfolgten Investitionen amortisieren, insbesondere nach Beendigung des Projektes? Wird der Betrieb in der Lage sein, die mit Hilfe des Projektes sanierte Infrastruktur zu erhalten und die Produktion dauerhaft zu steigern? Welche Voraussetzungen existieren bereits ( Produktionsmittel, Klima, Boden, Arbeitskräfte, Markt etc.)? Hierbei handelt es sich nach unserer Auffassung um zentrale Probleme für die Entwicklung der Milchprojekte.
Deshalb sollte eine Analyse dieser Fragen vor Beginn jeden Projektes vorgenommen und zum Bestandteil des Projektvorschlags, mit folgenden Indikatoren werden:
- Marktstudie getrennt nach Moneda Nacional und CUC
- Zu erwartende Einnahmen aus dem Verkauf von Milch, Fleisch, Obst und Gemüse
Geklärt sein muss die Frage, ob der Projektbetrieb über ein eigenes CUC-Konto verfügt ( bzw. verfügen darf) und in welchem Umfang dieses Konto, wie auch alle anderen, selbstverwaltet werden können. Unter den zur Zeit existierenden binnenwirtschaftlichen Bedingungen in Kuba ist nach unserer Auffassung eine nachhaltige Entwicklung ohne Deviseneinnahmen und deren Verfügung darüber nur sehr eingeschränkt, bzw. gar nicht, möglich.
Welche Verbindlichkeit haben die unterzeichneten Projektvorschläge und Haushaltspläne, wenn bewilligte Mittel teils mit erheblichen Verzögerungen oder gar nicht bereitgestellt werden können. Die Beschaffung von Zement und Baumaterial sind ein Dauerproblem, die Verzögerungen bei der Installation des Bewässerungssystems in Guantánamo sowie eine bis heute ( ein Jahr nach Projektfertigstellung) offensichtlich nicht funktionierende Finca Intergral in Nazareno, sollen hier exemplarisch genannt werden. Engpässe können immer auftreten.
Aber die hier genannten Beispiele führten teils zur Gefährdung der Projektziele, haben als Dauerprobleme unseren Projektleitungen vor Ort viele Kopfschmerzen bereitet und sind schwer vermittelbar. Wie wird der ökonomische Nutzen des Projektes festgestellt? Die erzielten Einsparungen beim Import von Milchpulver sollten hierbei stets berücksichtigt werden. Welche Auswirkungen hat die Lohnentwicklung auf die Leistungsentfaltung?
2. Im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit
Trotz negativer Auswirkungen durch den Klimawandel und extremer Naturkatastrophen in den letzten Jahren, verzeichnen die Projekte eine gute Entwicklung. 44 Biogasanlagen, 12 Solarzäune und die geplanten Windräder in Dos Rios sind Beweise dafür.
Wie bei kaum einem anderen Thema haben subjektive Faktoren wie z.B. Unkenntnisse, Vorbehalte, fehlende Traditionen auf diesen Bereich Einfluss. Ich erinnere mich, wie viel Zeit und auch Geld es kostete, bis die ersten Biogasanlagen in Mina Blanca von den Bauern angenommen und richtig genutzt wurden. Ein Fehler war damals, dass wir den Weiterbildungsfaktor zu wenig berücksichtigt hatten. Das Denken in natürlichen Kreisläufen, Stoffmanagement, die Nutzung erneuerbarer Rohstoffe und Energieträger sollten deshalb stärker in die Bildungsarbeit einfließen.
3. Im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit
Mit 122 sanierten und 26 neu gebauten Wohnungen, 2 sanierten Polikliniken, 2 neu gebauten und 2 sanierten Grundschulen ist die Bilanz beachtlich.
Wie wirken sich die verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen auf die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten aus?
Ist es gelungen, junge Familien an den Stallanlagen dauerhaft anzusiedeln? Konnte die Stadtflucht eingedämmt werden?
Wie stabil sind die Arbeitskollektive?
Diese Fragen sollten stärker in die Projektanalyse einbezogen werden.
Bereits in der Projektkonzipierung müssen Fragen der demokratischen Teilhabe und Mitsprache der Beschäftigten berücksichtigt werden. Diesbezügliche Erfahrungen und Beispiele sind nach unserer Meinung von wachsender Bedeutung. Das betrifft ebenso die Priorität für den Faktor Bildung, Weiterbildung sowie Kultur und Gesundheit.
Behördliche Zuständigkeitsprobleme und Festlegungen führten hin und wieder dazu, dass soziale Einrichtungen (Schulen, Polikliniken) der Projektregion nicht direkt Bestandteil der Projekte werden konnten. Dieses Herangehen trifft bei Cuba Sí auf Unverständnis, widerspricht dem Konzept einer nachhaltigen, integralen Entwicklung und sollte bei kommenden Projekten überdacht werden.
Stärkere Beachtung sollte, unter Einbeziehung der Milchprojekte, dem Wissenschaftsaustausch zwischen deutschen und kubanischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen beigemessen werden. Hier könnte Cuba Sí als Vermittler unterstützend fungieren. Voraussetzung sind klar fixierte Rahmenbedingungen. Mit bisher 4 deutschen Diplomarbeiten an den Milchprojekten sowie einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt von Aurelio Alvarez an der Humboldt-Universität verfügen wir über erste Erfahrungen, auf denen aufgebaut werden kann.
An dieser Stelle ist ein spezielles Wort zum Projekt in Guantánamo notwendig: Würden wir dogmatisch die Kriterien nachhaltiger Entwicklung als Maßstab anlegen, müssten wir in Guantánamo die Projektarbeit wegen der extremen klimatischen Verhältnisse, vor allem der Trockenheit, einstellen. In den vergangenen Jahren haben wir kubanische und deutsche Wissenschaftler zu diesem Problem konsultiert. Einige fragten uns, ob wir Wahnsinnig seien, unter solchen klimatischen Bedingungen die Milchproduktion bzw. Weidewirtschaft zu unterstützen. Umso mehr bewundern wir die unermüdliche und engagierte Arbeit von René Rico und seiner Truppe in Guantánamo.
Für Cuba Sí hat hier die soziale eindeutig den Vorrang vor der produktiven Komponente. Und trotzdem sind wir alle aufgefordert, nach Lösungswegen zu suchen, die eine zukunftsfähige Entwicklung in Guantánamo ermöglichen. Der neue Projektvorschlag bietet dafür interessante Ansätze. Nicht zu verstehen ist deshalb, warum das Genehmigungsverfahren dafür nun fast ein Jahr dauert.
Nicht nur der Klimawandel ist eine Feind nachhaltiger Entwicklung, auch Formalismus und überzogene Bürokratie!
Zu den Projektberichten
Struktur und Form der Projektvorschläge und halbjährlichen Projektberichte haben sich im wesentlichen bewährt. Jedoch erscheint uns angesichts der Fülle an Daten und Zahlen eine vertretbare Straffung sinnvoll, um so einen exakteren und nachvollziehbareren Umgang mit Daten zu ermöglichen. Nicht selten verursachten falsche Berechnungen oder Zahlendreher bei uns in Berlin erhebliche Verwirrung.
Wir sollten die Resultate dieses Workshops nutzen, um Indikatoren, also die Messbarkeit für eine nachhaltige Entwicklung, an den Projekten zu bestimmen, diese in die Projektdokumente einarbeiten und zum ständigen Gegenstand der Projektevaluierungen machen.
Aus Berlin haben wir einen Vorschlag mitgebracht, welcher einige allgemeingültige Indikatoren enthält, die einheitlich jedem Projektvorschlag vorangestellt werden könnten. Damit erhoffen wir uns unter anderem eine bessere Vergleichbarkeit sowie ein klares Erkennen von Problemen und Schwachpunkten in der Projektrealisierung. Wir halten es für sinnvoll und bitten zu prüfen, ob diese Indikatoren noch 2 bis 3 Jahre nach Beendigung eines Projektes halbjährlich Anwendung finden können. Erstens: weil die Rinderzucht und damit die Milchproduktion ein sehr sensibler und zeitaufwendiger Bereich der Landwirtschaft sind und Zweitens: weil es durchaus möglich sein kann, dass nach drei Jahren Projektarbeit immer noch Probleme bei der Versorgung mit proteinhaltigen Futtermitteln bestehen können. In solchen begründeten Fällen erscheint es durchaus sinnvoll, Investitionen gezielt weiter zu führen, um bereits erreichte Erfolge mittelfristig nicht zu gefährden.
Aufgabe dieses Workshops sollte es auch sein zu überprüfen, nach welchen Kriterien neue Projektstandorte ausgewählt werden und welche Bedeutung dabei den Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung zukommt.
Liebe Freundinnen und Freunde,
Ende Oktober berieten in der Nähe von Berlin über 100 Delegierte aus fast allen regionalen Cuba sí-Gruppen, wie die Solidaritätsarbeit mit Kuba verstärkt werden kann. Die Vorbereitung auf diesen Wokshop in Havanna war ein wichtiger Teil dieser dreitägigen Beratung. Ich kann Euch berichten, dass die Erwartungen hoch sind und die Ergebnisse dieses Workshops in den Cuba Sí-Gruppen auf großes Interesse stoßen.
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, möchte ich zwei zentrale Fragen dieses Cuba Sí-Treffens erwähnen:
- Welchen Stellenwert haben Technologie und Philosophie der ACPA-Cuba Sí Milchprojekte innerhalb der kubanischen Landwirtschaftspolitik?
- Wie kann erreicht werden, dass nach Beendigung eines Projektes eine stabile ökonomische Leistungsfähigkeit und Selbständigkeit gewährleistet ist?
Hunderte Cuba Sí-Aktivistinnen und Aktivisten sowie Tausende Spenderinnen und Spender in Deutschland fühlen sich sehr direkt mit den Milchprojekten verbunden. Deren insgesamt positive Bilanz ist für sie Ermutigung und Hoffnung. Wichtig Multiplikatoren sind das unmittelbare Erleben von Solidarität und kubanischer Realität, welches die Workcamps (Acampamentos) ermöglichen.
Das die Kraft des Beispiels die wirksamste Form im Kampf der Ideen ist, beweisen diese Workcamps mit zunehmender Resonanz.
Die Zusammenarbeit von ACPA und Cuba Sí hat im Verlauf von fast 15 Jahren unzählige Beispiele konkreter Solidarität, über die Milchprojekte hinaus, geschaffen. Dazu zählen die Besuche kubanischer Projektmitarbeiter in Deutschland, die Unterstützung durch ACPA für die Arbeit von Cuba Sí auf der Buchmesse Havanna oder für das Kulturprojekt mit dem Liedermacher Gerardo Alfonso.
Unsere Zusammenarbeit basiert auf einem stabilen Fundament. Dafür gebührt allen, ob in San José, Sancti Spiritus, Guantánamo oder in der nationalen ACPA-Leitung unser herzlicher Dank.
Weil wir solidarisch mit Kuba sind, weil wir sagen „Milch für Kubas Kinder“, weil wir uns immer und immer wieder gegen die verbrecherische Blockadepolitik der USA und ihrer Lakaien in Europa aussprechen und für deren Beendigung demonstrieren, weil wir der medialen Lügenmacht die kubanische Realität entgegen stellen, weil Kuba ein Beispiel dafür ist, dass trotz permanenter Bedrohung und Mangel eine sozial gerechte Politik möglich ist, genau deshalb zeigen wir als Cuba Sí gemeinsam mit Euch, dass eine andere Welt möglich ist.
Wenn Ihr im Juli 2007 die Fernsehbilder von den Protesten gegen den in Deutschland stattfindenden Gipfel der 8 reichsten Staaten der Erde sehen werdet, dann könnt Ihr sicher sein, dass Cuba Sí dabei ist. Als Teil einer immer stärker werdenden sozialen Bewegung für eine gerechte Welt, zu deren lebendigem Bestandteil auch die Milchprojekte gehören.
Liebe Freundinnen und Freunde,
dass dieser Workshop parallel zu den Feierlichkeiten anlässlich des 80.Geburtstages von Fidel Castro stattfindet, war nicht geplant. Aber Zufälle haben im Leben oft eine tiefsinnige Bedeutung, die in diesem Fall sehr offenkundig ist.
In Abwandlung des Gedichtes von Bertold Brecht „Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin“ schlage ich deshalb als Leitmotiv unseres Workshops vor: „So nützten sie sich, indem sie Fidel ehrten, und Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn Also verstanden.“
Danke
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