Cuba Sí
Milch für Kubas Kinder
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Rendezvous mit der Quote

Cuba Sí

Ein Workshop mit nachhaltigen Ergebnissen

Bericht vom Workshop zur Nachhaltigkeit an den Milchprojekten von ACPA und Cuba Sí

Über 60 Teilnehmer waren am 28. November 2006 in erwartungsvoller Stimmung zum Workshop nach Havanna gekommen: Produzenten, Agrarspezialisten und Wissenschaftler sowie Delegierte von allen Milchprojekten, auch von den sieben bereits abgeschlossenen. Auch die Politik hatte ihre Vertreter geschickt: das ZK der KP Kubas, die Ministerien für Landwirtschaft (MINAG), für Investitionen (MINVEC), für Wirtschaft und Planung (MEP), angereist waren auch Mitarbeiter der Vereinigung der Milchproduzenten (SOCUL) und natürlich die ACPA-Nationalleitung sowie deren Filialen aus Guantánamo, Havanna und Sancti Spiritus. Bereits am Vortag hatte die Cuba Sí-Delegation auf einer Pressekonferenz die Inhalte und Ziele des Workshops vorgestellt und erläutert.

Die Begrüßung unserer Delegation am Eröffnungstag war herzlich und die Wiedersehnfreude so groß, dass die Veranstaltung erst mit Verspätung beginnen konnte. Santiago Yánez, Vizeminister für Landwirtschaft und zuständig für den Bereich Tierproduktion, würdigte in seinem Eröffnungsbeitrag die Arbeit von Cuba Sí: „In der schwersten Zeit der kubanischen Revolution, zu Beginn der Spezialperiode Anfang der 90er Jahre, hat uns Cuba Sí die Hand gereicht. Viehwirtschaft und Milchproduktion gehörten damals zu den von der Krise am schwersten betroffenen Sektoren. Dass Cuba Sí in dieser dramatischen Situation die Solidaritätskampagne ‚Milch für Kubas Kinder‘ startete, wird man in Kuba niemals vergessen.“ Es sei sein Wunsch, dass dieser Workshop zu einer Vervollkommnung der Zusammenarbeit zwischen ACPA, dem Landwirtschaftsministerium und Cuba Sí beiträgt.

Nach diesem Beitrag von Santiago Yánez wurde das dreitägige Programm abgestimmt. Als erster sprach Alcides López Labrada, ebenfalls Vizeminister für Landwirtschaft. Der Mitdreißiger – mit Jeans, schulterlangen Haaren und Bart – erinnerte eher an einen Rockmusiker als an einen Minister. Temperamentvoll und sachkundig referierte er über die strategische Rolle der 1993 gegründeten Genossenschaften (UBPC).

Trotz objektiver und subjektiver Probleme, die ihren Ausdruck z.B. in einem Rückgang der Milchproduktion finden, werde man in Kuba den Prozess der Entwicklung der UBPC forcieren. Landesweit bewirtschaften heute 1567 UBPC rund 41 Prozent des Bodens. Bis 2008 soll eine interne Umwandlung der UBPC erfolgen mittels Diversifizierung der Produktion, Neustrukturierung, Erhöhung der Selbstversorgung, Entlohnung nach Leistung bei Verstärkung der sozialen Komponenten sowie durch Information und Bildung, so López Labrada. Dafür werden beispielsweise in allen Kreisen Universitäten eingerichtet. In dem die Produzenten im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen und deren Eigenverantwortung erhöht wird, erhoffe man sich eine höhere Produktivität der UBPC. Dabei bleiben sie selbstständiger Teil der staatlichen Betriebe und werden von diesen betreut.

Für uns von Cuba Sí ist diese Herangehensweise von Bedeutung, weil einige Milchprojekte bereits in UBPC verwirklicht wurden bzw. werden, und weil
die von López Labrada angesprochenen Fragen auch unserem Anspruch an eine nachhaltige Entwicklung entsprechen.

In der anschließenden offenen und lebhaften Diskussion kristallisierte sich folgendes Problem heraus, das während des gesamten Workshops eine dominierende Rolle spielte:Welche Möglichkeiten haben die UBPC (im weiteren wurden hier unsere Projekte bzw. staatliche Betriebe mit einbezogen), Devisen zu erwirtschaften und diese selbstverwaltet einzusetzen? Diese Möglichkeit bestehe derzeit und absehbar nur im Tabaksektor, der mit seinen Deviseneinnahmen andere Landwirtschaftssektoren stützt, so López Labrada.

Mit dieser Antwort erklärten sich vor allem die anwesenden Produzenten nicht so recht einverstanden: Dr. Elio Perón, langjähriger Präsident von ACPA brachte die Zweifel vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Punkt: „Wie sollen sich unter diesen Bedingungen Produktivität und Lebensbedingungen der Produzenten verbessern?

Wie sollen die Differenzen aus Einnahmen und Kosten gedeckt werden? Wie soll ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelt werden, wenn Arbeitsbekleidung, Kantinenessen,Werkzeugbeschaffung kaum verbessert werden können?“ Er plädierte dafür, Antworten auf diese Fragen zu geben und fand mit seiner Forderung nach stärkerer Mitbestimmung und Abwählbarkeit der Leitungen durch die Beschäftigten großen Zuspruch.

Mit López Labradas salomonischer Antwort, an der Lösung dieses Problems werde mittels verschiedener Experimente im Ministerium gearbeitet, waren die wenigsten zufrieden.

René Rico, Direktor des Milchprojektes von ACPA und Cuba Sí in Guantánamo, bezeichnete die 1997 durch den globalen Klimawandel verursachte extreme Trockenheit im Osten Kubas als eine Katastrophe für die dortige Vieh- und Milchwirtschaft. Er kritisierte die geringe Sensibilität des Landwirtschaftsministeriums für diese extreme Situation.

Raúl Mejías Rodríguez, Präsident der Vereinigung der Milchproduzenten (SOCUL) für die Provinz Havanna, forderte eine Umorientierung der Politik in dieser Frage.

Eine wichtige Rolle in der Debatte spielten die drei nun folgenden Vorträge der Cuba Sí-Delegation. Leider musste Dr. Edgar Göll kurzfristig seine Teilnahme aus dingenden persönlichen Gründen absagen. Seinen Vortrag präsentierte Steffen Niese, Student der Politikwissenschaft an der Universität Marburg.

Reinhard Thiele zog eine insgesamt positive Bilanz der Zusammenarbeit zwischen ACPA und Cuba Sí. Die von ihm aufgeworfenen Probleme ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit an den Milchprojekten bestimmten den weiteren Verlauf der Debatte und wurden durch den faktenreichen Vortrag von Agraringenieur Volker Klima noch vertieft.
Am Ende des ersten Projekttages verabschiedete
Moderatorin Guadelupe Gonzales die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit folgenden Problemen aus Reinhard Thieles Vortrag:

  1. 1. Der ökonomischen Nachhaltigkeit: Welche Möglichkeiten hat ein Projektbetrieb um zu erreichen, dass sich die erfolgten Investitionen amortisieren, insbesondere nach Beendigung des Projektes? Wird der Betrieb in der Lage sein, die mit Hilfe des Projektes sanierte Infrastruktur zu erhalten und die Produktion dauerhaft zu steigern? Welche Voraussetzungen existieren bereits (Produktionsmittel, Klima, Boden, Arbeitskräfte, Markt etc.)? Sind regionale Marktstudien an den Projekten getrennt nach Moneda Nacional und Peso Convertible (CUC) mit zu erwartenden Einnahmen aus dem Verkauf von Milch, Fleisch, Obst und Gemüse erforderlich?
  2. 2. Der ökologischen Nachhaltigkeit Wie wird, unter Beachtung der positiven Ergebnisse auf diesem Gebiet, der Bildungsfaktor verstärkt, um das Denken in Stoffkreisläufen zu vertiefen?
  3. 3. Der sozialen Nachhaltigkeit: Wie wirken sich die verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen auf die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten aus? Ist es gelungen, junge Familien an den Stallanlagen dauerhaft anzusiedeln? Konnte die Stadtflucht eingedämmt werden? Wie stabil sind die Arbeitskollektive? Wie wird die demokratische Teilhabe und Mitsprache der Beschäftigten erweitert? Den zweiten Beratungstag eröffneten die drei Projektdirektoren mit ihren Ergebnisberichten unter Berücksichtigung der „Hausaufgaben“ vom Vortag. Grundlage der Berichte waren regionale Workshops an allen Projekten, die dort im Oktober 2006 stattgefunden hatten.

Als einziger berichtete René Rico von einem Rückgang der Milchproduktion. Dies sei eine Folge der extremen Dürre. Die Erfolge in Guantánamo lägen vor allem im sozialen Bereich. Juan Carlos Valdivia Cruz aus Sancti Spíritus konnte eine Steigerung der Milchproduktion um 20 Prozent vermelden, Eduardo Sosa aus Havanna um 39 Prozent. Positiv ist: Das 1999 beendete erste Milchprojekt in Mina Blanca hat nach einer durch subjektive Fehler verursachten rückläufigen Phase nun seit 2 Jahren beachtliche Steigerungsraten vorzuweisen. Die Projekte in Zenea und Nazareno arbeiten bereits mit Gewinn.

Folgende Schlussfolgerungen wurden von den Vertretern dieser drei Projekte gezogen:

  1. Die Laufzeit sollte um 1 bis 2 Jahre verlängert werden – bei gleichem finanziellen Umfang an Investitionen.
  2. Der Zugang zu Devisen muss ermöglicht werden.
  3. Auf der Grundlage der Diversifizierung der Produktion sind Marktstudien erforderlich, wobei klar sein muss, dass Milch und Fleisch nur an den Staat verkauft werden darf.
  4. Gezielterer Einsatz regenerativer Energieträger, vor allem in Guantánamo.
  5. Priorität kommt der Weiterbildung der Produzenten zu.

An der anschließenden lebhaften Debatte beteiligten sich vor allem die Produzenten als zuerst Betroffene.

Dass Marktstudien und die Verfügung über Devisen wesentliche Voraussetzungen für die erfolgreiche Arbeit der Projekte sind – auch nach deren Beendigung –, darüber waren sich alle einig.

Professor Pablo Fernández vom Ministerium für Wirtschaft und Planung stellte eine aktuelle Studie über die kubanische Landwirtschaft vor, deren Lösungsansätze weitgehend mit den Themen des Workshops übereinstimmen. Er kritisierte, dass die staatlichen Reglementierungen in der Viehwirtschaft am stärksten sind, und forderte, Raum für ausländische Investitionen zu schaffen.

Emilio Rodriguez Peñate, ACPA-Chef der Provinz Havanna, erinnerte an eine Studie des verstorbenen ersten Projektdirektors, Rogelio Garcia Villa, die nachweise, dass jede Produktionseinheit (Granja) zwischen 30000 und 40000 CUC Gewinn jährlich erwirtschaften könnte. Er forderte eine schriftliche Vereinbarung mit dem Landwirtschaftsministerium, die eine Unterstützung der Granjas nach Projektende garantieren soll.

Die Idee von der Selbstverwaltung der Einnahmen in den Produktionseinheiten – auch der Devisen – wird gerade diskutiert, sagte der Abteilungsleiter für Landwirtschaft im ZK de KP Kubas, Santiago Pérez Castillano.

Justo Cruz von Cuba Sí warf in die Debatte ein, dass nicht nur in Kuba ein Kampf der Ideen stattfindet, sondern auch in Deutschland.

Die Ergebnisse der abschließenden Beratungen in Arbeitsgruppen zeigten große Übereinstimmungen bezüglich der Probleme und Lösungswege.

Nicht zu leugnen aber ist ein Dissenz zwischen den staatlichen Leitungen einerseits und den Produzenten und Wissenschaftlern andererseits. Besonders deutlich wurde dies bei den Diuskussionen um die ökonomische Nachhaltigkeit.

Diese Widersprüche produktiv zu machen, dazu hat dieser Workshop wichtige Impulse vermittelt. ACPA Präsidentin Teresa Planas stellte genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt ihres Abschlussbeitrages und forderte eine bessere Information und Zusammenarbeit zwischen Ministerien, ACPA, Produzenten und Wissenschaftseinrichtungen.

Zwei intensive Tage mit interessanter und spannender Arbeit liegen hinter uns. Dieser Workshop hat einen Austausch in Gang gebracht, dessen Umfang und Folgen wir nicht vermutet hätten. Die gründliche Vorbereitungsarbeit von ACPA und Cuba Sí hat sich gelohnt – das war die einhellige Meinung aller Beteiligten. Jetzt geht es darum, die vielen klugen Ideen zu analysieren und gemeinsam mit allen Beteiligten die erforderlichen Schlussfolgerungen zu ziehen und umzusetzen. Für unsere Delegation stand nach diesem Workshop fest:

Milch für Kubas Kinder ist ein wichtiges entwicklungspolitisches Projekt, das Kubas Weg zu mehr Sozialismus weiter unterstützen wird.

Am Abend des zweiten Beratungstages konnten wir bereits einen ersten konkreten Erfolg verzeichnen: An Formalismus und Bürokratie der staatlichen Entscheidungsträger scheiterte seit Monaten die Bestätigung eines neuen Projektes in Guantánamo. Dieses Projekt, das sich an den Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung orientieren soll, konnte hier und jetzt unter großem Jubel unterzeichnet werden.

MdB Wolfgang Gehrcke, Leiter einer Delegation der Linkspartei.PDS, die u.a. an den Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag Fidel Castros und zum 50. Jahrestages der Landung der Granma teilnahm, stattete dem Workshop einen Kurzbesuch ab. Er richtete herzliche Worte an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und brachte seine Hochachtung vor den Leistungen Kubas zum Ausdruck.

Am Abend des zweiten Tages wurde gefeiert: Höhepunkt der ausgelassenen Fiesta war der Auftritt des Liedermachers Gerardo Alfonso.

Der dritte und letzte Tag des Workshops war für Projektbesichtigungen in Nazareno, Zenea und Mina Blanca reserviert. Hier begleiteten uns Angelika Gramkow, Landtagsabgeordnete in Mecklenburg- Vorpommern, Fritz Schmalzbauer,WASG-Vorstandsmitglied, und Bernhard Strasdeit, Linkspartei.PDSVorsitzender in Baden-Württemberg. Auf dieser Rundfahrt wurde deutlich, dass diese Projekte bereits erfolgreich das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung umsetzen.

Emotionaler Höhepunkt war der Besuch der Vaqueria 40, die sich in einem guten Zustand und mit Spitzenwerten in der Milchproduktion präsentierte. Hier begann 1993 das erste Projekt von ACPA und Cuba Sí. Diese Stallanlage ist damit mehr als ein Symbol für Cuba Sí.

Erinnerungen wurden lebendig bei den Begegnungen mit den Akteuren der ersten Stunde, z.B. mit dem Verwalter Dagoberto Fuentes und seiner Frau Teresa oder mit Aurelio Alvarez, der als junger Agrarwissenschaftler die ersten wissenschaftlichen Daten des Projektes erfasst hat und heute Direktor des Institutes für Futter- und Weidewirtschaft ist.

Am 2. Dezember 2006 demonstrierten wir dann gemeinsam mit unseren Freundinnen und Freunden von ACPA und einer Million Kubanerinnen und Kubanern über den Platz der Revolution in Havanna und feierten so den 80. Geburtstag von Fidel Castro und den 50. Jahrestag der Granma-Landung. Und wir hatten alle ein sehr gutes Gefühl dabei.

Reinhard Thiele

 
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