!Hochaktuell!
Die etwas andere Sicht auf das Thema der ARD-Dokumentation
„Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro“
Die Kapitel „Wer erschoss JFK“ und „Die verhinderte Verständigung“ aus
dem 2005 im Kai-Homilius-Verlag erschienenen Buch „Im Fadenkreuz: Kuba“
von Horst Schäfer
Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir im
Folgenden das Kapitel 10 „Wer erschoss JFK?“ und das Kapitel 7 „Die
verhinderte Verständigung“ (zwischen Kennedy und Castro) aus dem 326
Seiten umfassenden Buch „Im Fadenkreuz: Kuba“ von Horst Schäfer, das
Ende 2004 im Kai-Homilius-Verlag Berlin erschienen ist. Der Publizist,
der 11 Jahre als Journalist in den USA arbeitete und im Weißen Haus in
Washington akkreditiert war, hat an Hand von Original-Dokumenten der
CIA, des Weißen Hauses, des US-Außenministeriums und der
Untersuchungsausschüsse des US-Kongresses die Außenpolitik der USA
gegenüber Kuba – Blockaden, Überfälle, Sabotageakte, Mordunternehmen und
andere Terrorakte - untersucht und in seinem Buch belegt.
Wir betrachten unsere Veröffentlichung als wichtigen Beitrag zur
Diskussion über die am 6. Januar in der ARD geplante Ausstrahlung der
Dokumentation des Journalisten Wilfried Huismann „Rendezvous mit dem Tod
– Kennedy und Castro“, mit der er beweisen will, dass John F. Kennedy im
Auftrag von Fidel Castro ermordet worden ist. Schäfer macht in seinem
Buch deutlich, dass es sich dabei um eine Verschwörungstheorie handelt,
die uralt ist und bereits unmittelbar nach dem Mord an Kennedy am 22.
November 1963 in Dallas von US-Institutionen, so von FBI und CIA, in
die Welt gesetzt wurde.
Das Buch „Im Fadenkreuz: Kuba“ wurde von zahlreichen deutschen Zeitungen
positiv besprochen, darunter der Freitag, die Leipziger Volkszeitung,
die Märkische Allgemeine. In der Zeitung des Bundestages Das Parlament
hieß es: „Am Beispiel der Beziehungen zwischen den USA und Kuba belegt
Schäfer vornehmlich an Originaldokumenten aus Archiven der CIA, des
State Departments und des Weißen Hauses (nach 30 Jahren, wenn auch mit
vielen Einschwärzungen, freigegeben), dass politischer Mord durchaus zur
Theorie und Praxis der CIA zumindest gehörte…Wer Schäfers Recherche
einseitig findet, muss freilich auch die Fakten widerlegen, auf die sie
sich stützt.“
Cuba Sí - Berlin, 4. Januar 2006
Es folgen die Kapitel 10 und 7 aus dem Buch „Im Fadenkreuz: Kuba“
Kapitel 7 - Die verhinderte Verständigung
Schon ziemlich früh spielt in den Strategiedebatten der Kennedy-Regierung
auch das Thema Annäherung an Castro eine Rolle. Oftmals aber sind die
Vorschläge alles andere als seriös; man spielt mit dem Gedanken, Castro in
eine Falle zu locken. So regt das Außenministerium am 24. Mai 1962 an, der
kubanischen Regierung folgendes vorzuschlagen: „Wir haben Sympathie für
die ursprünglichen Ziele der Kubanischen Revolution – Sozialreform und
Beendigung der Diktatur – und wir sind zuversichtlich, dass die Frage des
Eigentums…freundschaftlich verhandelt werden kann…Würde sich Castro von den Kommunisten loslösen, dann wären wir willens, normale Handelsbeziehungen
mit seiner revolutionären Regierung wiederherzustellen.“
Dieses Herangehen an eine Annäherung solle, so der Hinweis des Ministeriums,
moderat sein. „Castro muss sein Gesicht wahren können“, heißt es in dem
Memorandum. Man müsse alle Furcht beseitigen, dass wir versuchen könnten,
„Castro und seine Revolutionäre rauszuschmeißen oder dass wir auf
Rückgabe der Besitzungen bestehen“. Castro müsse sich mit Würde (von den
Kommunisten) lösen können. Man sollte auch darüber nachdenken, ob man
Castro nicht eine multinationale Garantie anbietet. Doch was die Wert gewesen
wäre, zeigt der nächste Satz: „Wenn er erst einmal (mit den Kommunisten)
gebrochen hat, dann würden wir selbstverständlich diese Politik nochmals
überdenken.“
Kennedys Sicherheitsberater McGeorge Bundy sieht noch am 5. Oktober 1962,
immerhin 10 Tage vor dem Beginn der Raketenkrise, zwei klare Alternativen
für die Kuba-Politik der USA: „Entweder wir gehen militärisch rein oder wir
müssen lernen, mit Castro und seinem Kuba zu leben und unsere Politik entsprechend
anpassen.“ Für viele Monate sieht es dann so aus, als ob sich die
Regierung Kennedy für den ersten Teil der Alternative entschieden hat:
Die
verdeckten Operationen werden verstärkt, die Sabotage nimmt zu.
Gleichzeitig aber verliert Washington die Möglichkeit einer Verständigung
nicht völlig aus den Augen. Zeitweilig jedoch scheint sich die Vorstellung
durchzusetzen, eine Verstärkung des Terrors gegen Kuba sei einer Annäherung
dienlich. Und wenn man in Regierungskreisen eine Verbesserung der Kontakte
zu Castro ins Auge fasst, dann nicht in Anerkennung der gegebenen Lage, sondern
eher, um sie zu ändern, um Castro und die Kommunisten sowie Kuba und
die Sowjetunion auseinander zu bringen.
„Es wäre eine schöne Sache,…Castro für uns abzuwerben“, schreibt
Bundys Mitarbeiter Gordon Chase vom NSC am 11. April 1963 und schlägt
vor, sich „diese Seite der Medaille“ einmal anzuschauen. Und Kennedys
Sicherheitsberater spinnt den Faden weiter. „Unter ausschließlich ökonomischer
Sicht hätten sowohl die USA als auch Kuba von einer Wiederaufnahme
der Beziehungen viel zu gewinnen“, stellt Bundy am 21. April 1963 fest. „Ein
Titoist Castro ist nicht unvorstellbar. Die Sondergruppe (des NSC) sollte vielleicht
auch diese Möglichkeit erkunden.”
Präsident John F. Kennedy scheint jedenfalls an Verhandlungen interessiert,
ohne vorerst seine Politik des Knüppels aufgeben zu wollen. Er fordert
seine Mitarbeiter auf, „in dieser Frage flexibler zu denken“. Im engsten Kreis
lehnt er es sogar ab, so schreibt Gordon Chase in einem Memorandum, die
Forderung nach einem Bruch Castros mit der UdSSR als Vorbedingung für
eine Annäherung zu stellen. „Keine Vorbedingungen, die Castro offensichtlich
nicht erfüllen kann“, zitiert Chase den Präsidenten.
Im März 1963 ist die in den USA bekannte Journalistin der Fernsehanstalt
ABC und frühere Schauspielerin Lisa Howard in Kuba und interviewt
Castro für eine Sondersendung über die Inselrepublik. Der kubanische
Ministerpräsident spricht sich nachdrücklich dafür aus, eine gemeinsame Basis
für die Annäherung beider Staaten zu finden. Er erwartet allerdings, dass die
paramilitärischen Überfälle und Sabotageakte durch die von den USA geförderten Exil-Kubaner eingestellt werden.
Bei ihrer Rückkehr am 30. April wird die Journalistin schon in Miami von der
CIA vernommen und ihre Darstellung der Gesprächsbereitschaft Castros versetzt
die CIA-Führung in helle Aufregung. Von Miami aus lässt CIA-Direktor
John McCone Präsident Kennedy durch den amtierenden CIA-Chef Marshall
S. Carter am 2. Mai ziemlich ultimativ mitteilen, er erwarte, „dass gegenwärtig
keine aktiven Schritte in der Frage der Annäherung unternommen werden“
und „er drängt darauf, sich bei der Diskussion (dieses Problems) in Washington
die größten Beschränkungen aufzuerlegen“. Der Bericht von Lisa Howard
sollte „äußerst zurückhaltend und vorsichtig behandelt werden“.
In einer Sitzung mit Außenminister Rusk und dessen engsten Mitarbeitern
am 22. Juni 1963 wird der CIA-Direktor noch deutlicher und erklärt: „Eine
Annäherung kann von den USA nicht akzeptiert werden.“
Zwei Tage später lässt der CIA-Direktor seinem Ärger, insbesondere über den
Außenminister freien Lauf. Nach einem Gespräch mit Dean Rusk schreibt er
eine Protokollnotiz, die als Nummer 351, Band XI, der Dokumentensammlung
des US-Außenministeriums über die Raketenkrise freigegeben wurde und
in der McCone unter Hinweis auf das vorgelegte neue Sabotageprogramm
der CIA festhält: „Ich habe den Eindruck, dass Minister Rusk nicht gerade
enthusiastisch hinter dem CIA-Programm steht. Er denkt offenbar, dass
es da eine Gelegenheit für eine Annäherung an Castro geben könnte… Ich bedrängte Rusk auf der Sitzung, weil ich seine Vorbehalte fühlte. Obwohl er dem Programm zustimmte, war es offensichtlich, dass er es widerstrebend tat.
Ich denke, bei dem ersten Zeichen von ‚Lärm’ wird er eine Neubewertung
fordern. Über diesen Sachverhalt habe ich mit ihm schon bei mehreren
Gelegenheiten diskutiert, doch Mr. Rusk bietet keine Erklärung für seine
Haltung an, die er bereits seit langem hat.“
Fünf weitere Zeilen dieses hochinteressanten Textes, der die Widersprüche
in der Kuba-Frage innerhalb der Regierung Kennedy und auch den
Machtanspruch des Geheimdienstes in seltener Deutlichkeit zeigt, wurden
vom Zensor gestrichen. Der CIA-Chef fährt dann in seinen Notizen fort: „Ich
habe während der Sitzung und auch Minister Rusk persönlich ausführlich
klar gemacht, dass nach meiner Meinung eine Annäherung nicht in Frage
kommt…“
Aber die ABC-Reporterin Lisa Howard gibt nicht auf. Als sie merkt, dass sie
von der CIA in ihrem Zugang zu den Washingtoner Politikern abgeblockt wird
und obwohl sie sich im Klaren darüber sein muss, wen sie sich da zum Feind
macht, geht sie mit ihrer Botschaft nach Verständigung mit Kuba in einem
Artikel an die Öffentlichkeit. In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift War and
Peace Report fordert sie die Kennedy-Administration unter der Überschrift
„Castros Ouvertüre“ auf, „einen Regierungsvertreter in geheimer Mission
nach Havanna zu schicken, um zu hören, was Castro zu sagen hat.“ Der kubanische
Ministerpräsident habe den starken Wunsch zu verhandeln und sei
sogar zu Konzessionen bereit. (www.spartacus.schoolnet.co.uk/)
Diesen Artikel liest der Assistent des US-Vertreters bei den UN, Botschafter
William Attwood. Attwood hatte 1959, da war er noch Journalist, ein langes
Gespräch mit Castro geführt. Am 12. September trifft er sich mit Lisa
Howard, informiert darüber seinen Vorgesetzten, den US-Botschafter bei der
UNO Adlai Stevenson, sowie das Außenministerium und erhält bereits am 20.
September die Genehmigung von Präsident Kennedy, mit dem kubanischen
Botschafter bei den Vereinten Nationen, Carlos Lechuga, Kontakt aufzunehmen.
Auch Justizminister Robert Kennedy befürwortet die Kontakte bei einem
Gespräch vier Tage später und erörtert mit Attwood die Möglichkeit, Castro
in einem anderen Land zu treffen, zum Beispiel in Mexiko. Die Dokumente,
die die Gesprächsbereitschaft Kennedys beweisen, wurden erst 2003 – 40 Jahre
nach der Ermordung des Präsidenten – veröffentlicht.
Weichen für Annäherung gestellt
Der Tag von Präsident Kennedys Zustimmung zu Gesprächen mit Kuba,
der 20. September 1963, scheint auch in anderer Beziehung ein Wendepunkt
in Kennedys Politik zu sein. An diesem Vormittag tritt er vor die UNOGeneralversammlung
und seine Rede unterscheidet sich von denen der USPräsidenten
vor ihm und auch nach ihm erheblich.
Zum ersten Mal setztsich ein US-Präsident nachdrücklich für Verständigung und Koexistenz mit
der Sowjetunion ein, für die Fortsetzung von Rüstungsbeschränkungs- und
Abrüstungs-Maßnahmen und für eine friedliche Zusammenarbeit aller Staaten.
Und gleichzeitig verspricht er, „unsere Nation von der Diskriminierung zu
befreien, die schon viel zu lange existiert“. Er zählt viele Bereiche auf, darunter
Erziehung, Wohnen, Beförderung, Beschäftigung in der Privatwirtschaft
und im öffentlichen Dienst. Kennedy verurteilt die rassische und religiöse
Ungerechtigkeit in den USA und wendet sich dann direkt an die Delegierten
aus aller Welt: „Ich weiß, dass einige von Ihnen in diesem Land rassische
Diskriminierung erlebt haben. Wir beabsichtigen, diese Praktiken ein für alle
Mal zu beenden – nicht nur für unsere Besucher, sondern genauso auch für
unsere eigenen Bürger.“
Man kann sich vorstellen, dass der US-Präsident nach dieser Rede von der
Mehrheit der Delegierten der UNO-Generalversammlung regelrecht gefeiert
wurde. Und man kann sich auch denken, welche Reaktion sie in einigen
Kreisen der USA auslöste – beim Militär, den Geheimdiensten, bei den noch
in der Welt McCarthys lebenden militanten Antikommunisten, beim militärisch-
industriellen Komplex (vor dem warnte schon Eisenhower in seiner
letzten Rede als Präsident), beim ultra-konservativen und reaktionären Teil
der Führungselite, bei den offenen Rassisten aus den Südstaaten sogar in
seiner eigenen Partei und auch bei den Terroristen unter den Exil-Kubanern.
Anfang November 1963 sind trotz gelegentlicher Querschüsse aus der
CIA und dem Pentagon alle Weichen für eine Verständigung mit Kuba gestellt.
Eigentlich kann jetzt nichts mehr schief gehen. Beide Seiten haben sich seit Monaten
vorsichtig abgetastet und in langen Vorgesprächen den Weg geebnet
für eine mögliche Verständigung. Trotz der Mordanschläge, der Überfälle,
der Terroraktionen gegen ihn und gegen sein Land hatte Ministerpräsident
Fidel Castro immer wieder über alle nur möglichen Kontakte versucht, den Weg für eine Normalisierung der Beziehungen zu ebnen. Castro lädt Attwood
am 31. Oktober zu Gesprächen nach Kuba ein und sichert volle Diskretion
zu. Präsident Kennedy stimmt am 5. November 1963 in einem Gespräch mit
seinem Sicherheitsberater Bundy einem geheimen Treffen von Botschafter
Attwood mit Castro zu. Das wird am 12. November in einem Memorandum
des Weißen Hauses festgehalten. „Der Präsident favorisierte eine Öffnung
gegenüber Kuba mehr als das Außenministerium“, stellt McGeorge Bundy
fest.
Attwood spricht am 18. November per Telefon mit einem Vertreter Castros in
Havanna und teilt ihm mit, dass die USA bereit sind, vorbereitende Gespräche
zu führen, allerdings nicht gleich in Kuba, sondern im Rahmen der UN in New
York. Dafür müsse jetzt eine Tagesordnung ausgearbeitet werden.
Am 19. November versucht die CIA noch einmal, die Annäherung mit Kuba zu
verhindern. Der Präsident wird von seinem Bruder angerufen, der darum bittet,
Richard Helms, den Leiter der CIA-Abteilung für verdeckte Operationen,
in einer wichtigen Angelegenheit zu empfangen. Der Justizminister und Helms
kommen wenig später mit einer Maschinenpistole ins Weiße Haus – angeblich
aus einem Waffenlager an der Küste von Venezuela. Das Lager sei dort von
Kuba angelegt worden, so Helms, weil Castro versuchen wolle, die Regierung
von Venezuela zu stürzen. Und der Beweis, dass es kubanische Waffen sind?
Nein, nicht Hammer und Sichel auf jeder Waffe, wie 1954 bei den von der CIA
organisierten Waffenlieferungen durch ein sowjetisches U-Boot für Guatemala.
Dieses Mal tragen die Schäfte der Maschinenpistolen das offizielle Siegel von
Kuba. (Richard Mahoney: „Sons and Brothers“, unter www.jfklancer.com)
Doch der Präsident zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt und hält an seinem
Verständigungsplan fest. Bundy informiert seinen Chef am selben Tag, dass
die kubanische Seite den vorgeschlagenen Ablauf akzeptiert. Der Präsident
erklärt seinem Sicherheitsberater, dass er Attwood sehen möchte, sobald die
Tagesordnung für die Gespräche vorliegt – und er selbst von einer kurzen
Reise nach Dallas in Texas zurück sei.
Ebenfalls am 19. November trifft sich Castro mit dem französischen Journalisten
Jean Daniel, der zuvor mit dem US-Präsidenten zu einem Gespräch zusammen
gekommen war. Kennedy hatte ihn aufgefordert, nach dem Gespräch mit
Castro – quasi als Shuttle-Diplomat – wieder im Weißen Haus über seine
Erfahrungen in Havanna zu berichten, denn Kennedy, so Daniel, interessiere sich sehr für die Ansichten Castros und seine Vorstellungen über eine
mögliche Annäherung beider Länder.
Castro äußert gegenüber dem Journalisten, Kennedy könne durch eine
Verständigung mit Kuba einer der bedeutendsten Präsidenten der USA
werden, ein Präsident, der letztlich versteht, dass es eine „Koexistenz zwischen
Kapitalisten und Sozialisten“ geben kann, sogar auf dem amerikanischen
Kontinent. Man verabredet sich für eine zweite Gesprächsrunde
am 22. November. Diese ebenfalls mehrstündige Zusammenkunft drei Tage
später wird von einem aufgeregten Mitarbeiter des kubanischen Minister-
präsidenten mit der Nachricht unterbrochen: „Präsident Kennedy wurde
erschossen.“
Als Castro hört, dass der bisherige Vizepräsident Johnson sofort als neuer USPräsident
vereidigt wurde, fragt er Jean Daniel: „Welche Macht hat er über die
CIA?“ (Jean Daniel: „When Castro heard the news“, in New Republic am 7.12.63)
Kapitel 10 - Wer erschoss JFK?
Die nahe liegende Frage, ob und in welchem Umfang insbesondere die CIA,
andere Regierungsstellen, der militärisch-industrielle Komplex, die Mafia
oder eine Kombination der Genannten in das Mordkomplott gegen Präsident
Kennedy verwickelt waren, ist seit den Schüssen von Dallas immer wieder
in unzähligen Ausschüssen, Artikeln und Büchern untersucht und auf vielen
Konferenzen diskutiert worden. Beweiskräftig beantwortet ist sie nach wie
vor nicht. Bereits 1979 war ein Ausschuss des US-Repräsentantenhauses über
die Morde an Präsident Kennedy und Martin Luther King nach zweijährigen
Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht – wie die
Warren-Kommission behauptete — um einen Einzeltäter namens Lee Harvey
Oswald gehandelt habe, sondern um eine Verschwörung mehrerer Täter.
Allerdings sei der Ausschuss nicht in der Lage, Beteiligte zu nennen. Ein Punkt
war aber klar: Weder die Sowjetunion noch Kuba hatten etwas mit dem Mord
zu tun. (Report of the Select Committee on Assassinations of the U.S. House of Representatives, U.S.
Government Printing Office, Washington 1979)
Doch CIA-Agenten, die Mafia oder Castro-feindliche kubanische Kreise
wollte der Ausschuss als potentielle Beteiligte am Kennedy-Mord nicht ausschließen.
Schließlich gab es für CIA-Mitarbeiter, Exil-Kubaner, Militärs,
reaktionäre Unternehmerkreise insbesondere der Rüstungsindustrie, Mafiosi
sowie für die Kräfte, die eine Verständigung mit der Sowjetunion scharf ablehnten,
genügend Gründe – das hatte ihnen auch Kennedys UNO-Rede deutlich
gemacht –, sich schnellstens, noch vor Beginn des Wahljahres 1964, einen anderen
Präsidenten zu „wünschen“. Denn die Chancen auf eine Wiederwahl und
damit vier weitere Kennedy-Jahre standen für JFK sehr gut.
Hier kann nur auf ein paar aus der Sicht des Autors bemerkenswerte Details
dieses umfassenden Komplexes eingegangen werden, die ihm bei seinen
Recherchen zu diesem Buch auffielen und die auch eine Beziehung zu Kuba
haben. Alles andere würde den vorgegebenen Rahmen weit sprengen.
Kennedy-Mord und Castro
Der Geheimbericht des CIA-Generalinspekteurs von 1967 über die Mordversuche
an Castro wird durch einen Zeitungsartikel ausgelöst. Der verweist zum
ersten Mal öffentlich auf den CIA-Plan, Castro 1963 umzubringen. Interessant
an dem Artikel ist, dass er überhaupt erscheinen konnte sowie die Jahresangabe
der Mordversuche an Castro: Nämlich 1963. Wieso erst, wieso nur
1963? Schließlich begannen die CIA-Versuche, Castro umzubringen, nachweislich
schon zumindest 1959/60 und der Informant der beiden Journalisten aus
Geheimdienst oder Regierung wusste das. Doch offenbar passt 1963 besser zu
dem Versuch, die geplante Ermordung Castros mit der Ermordung Kennedys
in Verbindung zu bringen. Was dem Leser in dem Artikel suggeriert werden soll,
ist: Castro wusste von den Attentatsversuchen der CIA gegen ihn, er konnte
einige Attentäter fassen, sie „umdrehen“ und dann nach Dallas schicken…
Bestimmte Kreise wollen offenbar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Der Zeitungsbericht ist erstens eine gute Ablenkung von den sich häufenden
Gerüchten und dem Bekannt werden von immer mehr Tatsachen, die
den Mord an Kennedy als die Untat bestimmter US-(Geheimdienst?)kreise
erscheinen ließ.
Zweitens ist die Meldung offenbar darauf gerichtet, John
F. Kennedys Präsidentschaft sowie seinen Bruder Robert, der 1968 für das
Präsidentenamt kandidieren will, zu diskreditieren.
Der Vorwurf, die Ermordung eines anderen Staatsmannes versucht zu haben,
dann aber gescheitert und – in Umkehrung der eigentlichen Absicht – selbst
das Opfer der eigenen Politik geworden zu sein, würde die Demokraten und
ihren Präsidentschafts-Kandidaten erhebliche Stimmen kosten. In diesem
Zusammenhang wird auch das Gerücht in Umlauf gesetzt, Robert Kennedy
leide deshalb besonders unter dem Tod seines Bruders, weil er sich wegen seiner
Unterstützung und Forcierung der US-Politik gegen Kuba persönlich an
dessen Ermordung schuldig fühle.
Drittens kann auf diese Weise Fidel Castro des Mordes an Kennedy bezichtigt
und er damit in seinem Land und international verleumdet werden. Und viertens
ist eine neue Diskussion über den Kennedy-Mord mit Castro als angeblichem
Auftraggeber des Mordes eine hochwillkommene Ablenkung von der
durch Präsident Johnson forcierten US-Aggression in Vietnam. In den USA
formiert sich 1967 gerade eine gewaltige Protestbewegung gegen den Krieg.
Bei all dem wird im Interesse eines vermeintlich höheren Zieles von der CIA
oder anderen Regierungskreisen, von denen die Journalisten informiert werden,
in Kauf genommen, dass die Mordpläne gegen Castro – eines der am besten
gehüteten Geheimnisse der CIA – zumindest zum Teil bekannt werden.
Folglich wird im Bericht immer wieder versucht, die umfangreichen CIA-Mordpläne
mit dem großen Druck insbesondere der Regierung Kennedy auf
den Geheimdienst zu rechtfertigen.
Lee Harvey Oswald
Seit dem Tag von Kennedys Ermordung wird versucht, zumeist ziemlich
plump, Lee Harvey Oswald als gekauften Mord-Agenten Kubas zu „entlarven“.
Der Sonderausschuss des US-Senats unter Senator Frank Church untersucht
1975/76 auch den Kennedy-Mord unter besonderer Berücksichtigung
der CIA-Mordanschläge gegen Fidel Castro. Die Senatoren finden heraus,
„dass Oswald für die (US)-Geheimdienste kein Unbekannter war“ und stoßen
bei ihren Recherchen auf einige weitere Merkwürdigkeiten. („The Investigation
of the Assassination of President Kennedy: Performance of the Intelligence Agencies“, Book V, U.S.
Government Printing Office, Washington 1976)
So fällt dem Untersuchungsausschuss auf, dass das offizielle Washington ohne
substantielle Untersuchung sehr bald wusste, dass Oswald sowohl der Mörder
als auch ein Einzeltäter war. „Nahezu sofort nach dem Mord (an Kennedy)
haben (FBI) Direktor Hoover, das Justizministerium und das Weiße Haus
Druck ausgeübt auf die leitenden Angestellten, ihre Untersuchung zu beenden
und einen Tatsachen-Bericht mit der Schlussfolgerung zu veröffentlichen, dass
Oswald der alleinige Mörder war“, stellt der Senatsausschuss fest. Daher sei
es nicht verwunderlich, dass sich die Morduntersuchung fast vollständig auf
Oswald konzentrierte.
Die verdächtige Schnelligkeit, mit der die Untersuchungsbehörden nach
der Ermordung von Präsident Kennedy ihre Einzelttäter-Theorie parat
haben und die Ermittlungen praktisch eingestellt werden, wiederholt
sich knapp fünf Jahre später noch zwei Mal: Bei den Mordanschlägen auf
Friedensnobelpreisträger Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis
und auf Präsidentschaftsbewerber Robert Kennedy am 6. Juni in Los Angeles.
In beiden Fällen sind Menschen betroffen, die eine Veränderung in der Innen-
und Außenpolitik anstreben, insbesondere die Beendigung des Vietnamkrieges
sowie auch eine Verständigungspolitik gegenüber Kuba.
Das Tempo der „Aufklärung“ der Mordfälle von Dallas, Memphis und Los
Angeles wird nur noch am 11. September 2001 von der Regierung Bush mit der
atemberaubend schnellen Erklärung über die al Qaida-Täter überboten. Die
Parallelen zwischen diesen vier traumatischen Ereignissen der US-Geschichte
sind frappierend. Ermittlungsbehörden, CIA und FBI wird „Versagen“ sowohl
bei der Verhinderung, aber insbesondere bei der Aufklärung dieser Verbrechen
vorgeworfen. Die Wahrheit bleibt in allen Fällen hinter einem Vorhang von
Lügen und Vertuschung verborgen – immer noch.
Zwei Tage nach der Ermordung Kennedys und unmittelbar nach dem Mord an
Oswald am 24. November durch den Mafioso Jack Ruby weist der FBI-Chef
an, bald etwas zu publizieren, „um damit die Öffentlichkeit zu überzeugen,
dass Oswald der Mörder ist“. Der stellvertretende US-Justizminister Nicholas
Katzenbach erklärt am 26. November: „Die Öffentlichkeit muss damit zufrieden
gestellt werden, dass Oswald der Mörder ist; dass er keine Bundesgenossen
hatte, die noch frei herumlaufen; und dass die Beweise so sind, dass er in einem
Prozess verurteilt worden wäre.“
Bekannt ist, dass Oswald – von wem auch immer – mehrere Monate vor
dem Kennedy-Mord gezielt als Freund Kubas aufgebaut wird. Das geschieht
unter anderem durch die Gründung einer Solidaritätsgruppe für Kuba in
New Orleans, obwohl er mit seiner Frau im fast 800 km entfernten Dallas
wohnt. Während er kurz zuvor noch einer paramilitärischen Gruppe von
Exilkubanern seine Unterstützung als ehemaliger Angehöriger des Marine-
Korps beim Training für Sabotageeinsätze in Kuba angeboten hat, gibt er
plötzlich kubafreundliche Radiointerviews, verteilt entsprechende Flugblätter
nahe dem FBI-Büro, hängt sich Plakate mit Viva Fidel um und schreibt merkwürdige
Leserbriefe an die kommunistische Zeitung The Worker mit der
Verleihung der Ehrenmitgliedschaft seiner neuen Pro-Kuba-Gruppe an den
KP-Vorsitzenden Gus Hall.
Obwohl dem FBI von seinen Agenten alle Details des „Linksschwenks“
von Oswald mitgeteilt werden, reagiert man dort im Gegensatz zum üblichen
FBI-Verhalten gegenüber Linken erstaunlich gelassen. Dabei würden
normalerweise schon angesichts von Oswalds aktenkundiger Vorgeschichte
alle FBI- und CIA-Warnlampen aufleuchten – Überläufer in die
Sowjetunion, fast drei Jahre Aufenthalt, Heirat einer Russin und dann
Rückkehr in die USA. Die Geheimdienste sind auch über die Kontakte
Oswalds zu den terroristischen Exil-Kubanern informiert. Doch das ist für
sie kein Grund, dieser Spur wenigstens nach dem Kennedy-Mord nachzugehen,
wundert sich der Church-Ausschuss. Der Untersuchungsausschuss des
Repräsentantenhauses ist ziemlich sicher, das Oswald „nur den Anti-Castro-
Aktivisten spielte“.
Angeblich unternimmt Oswald auch eine Reise nach Mexiko-Stadt zur
kubanischen und sowjetischen Botschaft – angeblich deshalb, weil es inzwischen
schon zahlreiche Indizien dafür gibt, dass es sich dabei um einen
Doppelgänger gehandelt hat. Insbesondere in Mexiko, so registrierte der
Untersuchungsausschuss, sind CIA- und FBI-Vertreter sowie die Botschaft
sehr aktiv, um Oswald als Castros Werkzeug darzustellen. Schon einen Tag
nach dem Kennedy-Mord kabelt der FBI-Repräsentant an der diplomatischen
Vertretung in Mexiko-Stadt an das FBI-Hauptquartier: „(Der) Botschafter ist
sehr beunruhigt darüber, dass die Kubaner hinter dem Subjekt stehen, das den
Präsidenten ermordet hat.“ Botschafter Thomas C. Mann sei der Ansicht, dass
FBI und CIA alles tun sollten, das zu klären.
Zwei Tage später werden Botschaft und Geheimdienste fündig. Der Church-
Report beschreibt das so: „Am Mittag des 25. November erschien ‚D’, ein
Lateinamerikaner, in der (US)-amerikanischen Botschaft in Mexiko-Stadt.
Er erzählte dem Botschaftspersonal, dass er am 17. September im kubanischen
Konsulat war und dort Kubaner sah, die mit Oswald über Mord redeten
und ihm eine Geldsumme übergaben. Er wiederholte seine Geschichte
später gegenüber dem Chef der CIA-Station.“ Hoover berichtet dann dem
Präsidenten, es habe sich um 6.500 Dollar gehandelt.
Schon am nächsten Tag wird die geheimnisvolle Spur in einem Telegramm
der CIA-Station an ihr Hauptquartier bestätigt, und zwar durch eine neue
„zuverlässige Quelle, die die Geschichte von ‚D’ zu bestätigen scheint, dass
er (Oswald) von Kubanern bezahlt wurde, um Kennedy zu ermorden“. Diese
Quelle taucht dann nie wieder auf und der Senatsausschuss wundert sich darüber,
dass es für dieses CIA-Telegram „keine befriedigende Erklärung gab,
obwohl es der Warren-Kommission (die den Mord untersucht hat) vorlag“.
Über denselben CIA-Kanal macht dann US-Botschafter Mann erneut Druck
und stellt fest, so der Bericht, „dass die Kubaner in den Mord verwickelt waren
und er empfiehlt, in Mexiko gewisse Untersuchungen vorzunehmen“.
Doch irgendwann kommen die Geheimdienste mit den Daten durcheinander.
FBI-Direktor Hoover muss am 29. November etwas kleinlaut seinem
Präsidenten berichten, dass es in Mexiko Schwierigkeiten gebe, denn man
habe zwar Informationen, dass Oswald am 18. September angeblich in Mexiko
gewesen sei, aber gleichzeitig könne das FBI beweisen, dass er zu diesem
Zeitpunkt in New Orleans war. Also müsse man dieses Datum für Mexiko auf
den 28. September korrigieren. Dann stellt sich heraus, dass es der 27. 9. bis 2.
10. gewesen sein soll.
Obwohl Ende November für das FBI schon klar zu sein scheint, dass die „D“-
Story wegen des vertauschten Datums nicht mehr funktioniert („D“ hatte
sicher den 27. statt 17. September als Datum für die Übergabe des Geldes
angeben sollen), bastelt die CIA noch bis zum 5. Dezember daran herum,
ehe sie aufgibt. Als Resümee stellt der Senatsbericht fest: „CIA und Warren-
Kommission sind später zu dem Schluss gekommen, dass die Geschichte eine
Erfindung war.“ Die nahe liegende Frage, wer sie erfunden hat, wurde weder
von der Warren-Kommission noch vom Senatsausschuss untersucht und beantwortet.
Die Abgeordneten des Repräsentantenhauses stellen dann noch fest, dass
Oswald (oder sein Doppelgänger) und der CIA-Agent William G. Gaudet
nicht nur zur selben Zeit in Mexiko-Stadt waren, sondern ihre Touristen-
Einreisekarten nach Mexiko aufeinander folgende Nummern haben, sie also
praktisch zusammen die Grenze passiert haben müssen. Gaudet kannte Oswald
aus New Orleans. Erstaunlich findet es der Ausschuss, dass in der aus Mexiko
übermittelten Liste der Einreisekarten, die die CIA der Warren-Kommission
vorlegte, der Name des CIA-Agenten unkenntlich gemacht worden war.
Der Church-Ausschuss stößt bei seinen Untersuchungen noch auf eine weitere
Merkwürdigkeit. Erst 1975 kommt heraus, dass der Chefagent der FBI-Station
in Dallas, Gordon Shanklin, eine persönliche handgeschriebene Nachricht
von Oswald an „seinen“ FBI-Agenten James Hosty sofort nach Oswalds
Ermordung verschwinden ließ. Oswald hatte sich in dem Brief, den er etwa 10
Tage vor dem Anschlag auf Kennedy persönlich im FBI-Büro ablieferte, darüber
beschwert, dass Hosty in seiner Wohnung versucht habe, seine Frau auszufragen.
Der Senatsausschuss rekonstruierte den Text der Nachricht nach Hostys
Aussagen wie folgt: „Wenn Sie irgendetwas über mich erfahren wollen, dann
reden Sie mit mir persönlich. Wenn Sie nicht aufhören, meine Frau zu belästigen,
werde ich entsprechende Schritte unternehmen und es den zuständigen
Behörden berichten.“ Der Brief Oswalds klingt nur etwas resoluter als
die Erklärung des Gangsters Sam Giancana gegenüber den FBI-Verfolgern in
Chicago: „Ich bin doch einer von Euch.“ Oswald war sich offenbar sehr sicher,
dass die „zuständigen Behörden“ ihm Recht geben würden. Und das FBI in
Dallas vermutete möglicherweise, dass genau das aus dem Brief hervorgehen
könnte und man ihn deshalb vernichten musste.
Ausgebremst, ausgetrickst, ausgelöscht
Auch das Verhalten des Secret Service, der für die Bewachung der USPräsidenten
rund um die Uhr zuständig ist, wird vom Untersuchungsausschuss
des Repräsentantenhauses unter die Lupe genommen. Und selbst da gibt es
einige Auffälligkeiten. So kommen in den Tagen unmittelbar vor dem Mord
sowohl aus Chicago als auch aus Miami relativ präzise Warnungen (z.B. vor
einem Anschlag aus einem Bürohochhaus auf Kennedy), denen nicht nachgegangen wurde. Unmittelbar nach dem Mord erhielt der Secret Service ebenfalls
in Chicago von einem Informanten den Hinweis, eine exil-kubanische
Terrorgruppe sei vielleicht in den Mordfall verwickelt. Der Informant berichtet,
dass die Gruppe über sehr viel Geld verfügt, Waffen gekauft hat und an
paramilitärischen Einsätzen gegen Kuba beteiligt war.
Deren Leiter, Homer
S. Echevarria, hatte am Vorabend des Mordes dem Informanten erklärt, man
werde sich „um Kennedy kümmern“. Der Secret Service ermittelt, dass die
Gruppe um Echevarria zusammen mit anderen Anti-Kuba-Terrorgruppen –
darunter auch die Gruppe MIRR eines der schlimmsten Terroristen, Orlando
Bosch Avila — zu der exil-kubanischen Sammelbewegung JGCE (Kubanische
Regierungs-Junta im Exil) gehört, die vom Chicagoer Rechtsanwalt Paulino
Sierra Martinez geleitet wird und auch Kontakte zur Unterwelt hat.
Die Präsidenten-Bewacher wähnen sich auf einer heißen Spur. Doch sie werden
sofort vom FBI ausgebremst. Die Bundes-Kriminalpolizei erklärt dem
Secret Service, die Gruppe um Echevarria, so steht es im Kongress-Bericht,
„war kaum in irgendwelche illegalen Akte verwickelt“. Der Secret Service
ist misstrauisch und will sich auch damit nicht zufrieden geben, denn seine
Ermittlungen haben das Gegenteil ergeben.
Man beschließt, die Sache genauer
zu untersuchen und einen Spitzel in die Gruppe zu schicken. Doch schon am
29. November 1963 wird dem ein Riegel vorgeschoben. Präsident Johnson ordnet
an, dass im Zusammenhang mit der Gründung der Warren-Kommission
das FBI das ausschließliche Recht erhält, den Mordfall zu untersuchen. Und
das setzte das FBI auch gegenüber dem Secret Service durch. Dazu der Bericht:
„Die Untersuchung einer möglichen Mordverschwörung durch den Secret
Service wurde vorzeitig abgebrochen…“.
Interessant auch die Feststellung des
Untersuchungsausschusses über die kurze Lebensdauer der Sammelbewegung
der anti-kubanischen Terroristen JGCE: „Sie wurde im April 1963 gebildet
und im Januar 1964 plötzlich aufgelöst. Während ihres kurzen Lebens erhielt
JGCE offenbar eine erhebliche finanzielle Unterstützung.“
Der Untersuchungsausschuss des US-Senats macht auch darauf aufmerksam,
dass weder CIA noch FBI der Warren-Kommission, die den Mord 1963/64 im
Regierungsauftrag untersuchte, jemals über die Mordanschläge gegen Castro
berichteten, obwohl der ehemalige CIA-Chef Allen Dulles sogar Mitglied
der Kommission war. Dafür gab es sicher gute Gründe. Schließlich hätte das
bedeutet zuzugeben, dass der Geheimdienst mit Mafia und Exil-Kubanern,
eingeschlossen ehemalige Batista-Leute, gegen Castro zusammenarbeitete, denselben Leuten also, deren Spuren auch ins Umfeld des Attentats von
Dallas führten und die ein starkes Interesse am Tod von Kennedy hatten.
Als
Richard Helms 1975 vor dem Church-Ausschuss gefragt wird, warum die CIA
es nicht für nötig gehalten habe, über die Mordpläne gegen Castro zu informieren,
erklärte der langjährige CIA-Direktor: “Ich wurde angewiesen, auf
die Fragen der Warren-Kommission an den Geheimdienst zu antworten. Ich
war nicht aufgefordert worden, ein bestimmtes Thema zu initiieren.“
Dadurch vermied es die CIA auch, vor der Warren-Kommission Fragen zu
zwei allen CIA-Regeln der Konspiration zuwider laufenden Fällen beantworten
zu müssen, die dann sowohl im Bericht des CIA-Generalinspekteurs
als auch bei den Untersuchungen des Senats-Ausschusses eine Rolle spielten.
Denn ein zentrales Anliegen bei allen verdeckten CIA-Operationen war
immer, ein glaubhaftes Dementi geben zu können. Und das wurde hierbei
erheblich verletzt.
Da ist erstens der bereits geschilderte Versuch der CIA zu nennen, dem USUnterhändler
für die Freilassung der Schweinebucht-Gefangenen, James
Donovan, im Frühjahr 1963 einen mit verschiedenen Giften, darunter mit
Tuberkulose-Bazillen, verseuchten Tauchanzug mitzugeben. Donovan sollte
den Anzug Castro als Geschenk überreichen, aber selbst keine Ahnung davon
haben, was das „Geschenk“ bewirken würde. Nur, weil Donovan schon privat
einen Tauchanzug gekauft hatte, wurde aus dem Mordanschlag nichts.
Denkt man diesen Mordplan zu Ende, dann hätte er doch bedeutet, dass
die kubanischen Sicherheitsbehörden schnell in der Lage gewesen wären zu
beweisen, dass die Kennedy-Regierung diesen Anschlag geplant hatte. Deren
mögliche Erklärung, sie habe von den Plänen nichts gewusst und die CIA
habe eigenmächtig gehandelt, wäre sicher nicht sehr glaubwürdig gewesen.
Außerdem hätte die CIA Rechtsanwalt Donovan in größte Schwierigkeiten
gebracht, denn er wäre ja der Überbringer dieses Danaergeschenks gewesen.
Ganz zu Schweigen davon, dass er selbst oder irgendjemand anders den vergifteten
Anzug hätte anziehen können. Zu vermuten ist, dass die CIA-Führung
sich darüber im Klaren war, dass diese Mordidee zumindest eine schwere
Desavouierung von Präsident Kennedy gewesen wäre.
Noch deutlicher wird das beim Mordunternehmen AMLASH, der zweiten
offenen Provokation des Geheimdienstes. Die CIA merkt im Frühjahr 1963, dass das Weiße Haus auch Entspannung und Verständigung mit Kuba als eine
Option einkalkuliert und dazu nicht die Kanäle der CIA benutzt, sondern alles
über Botschafter Attwood bei den Vereinten Nationen laufen lässt. Daraufhin
verstärkt der Geheimdienst seine Anstrengungen, das Mordunternehmen mit
dem kubanischen Major Cubela wieder zu beleben.
Also zur selben Zeit, in der Präsident Kennedy die Aufnahme von Kontakten
mit Castro billigt, bereitet die CIA – ohne die Regierung davon zu verständigen
– ein weiteres Mordunternehmen gegen den kubanischen Ministerpräsidenten
vor. Nicht nur das: Als der Agent AMLASH verlangt, dass er mit einem
Regierungsvertreter sprechen kann, um sicher zu sein, dass die US-Regierung
ihn auch decken würde, gibt sich der Leiter des CIA-Stabes für Sonderaufgaben
(SAS), der Kubaabteilung des Geheimdienstes, Desmond FitzGerald, als ein
Beauftragter von Justizminister Robert Kennedy und als Redenschreiber des
Präsidenten aus. Und alles, so stellt der Untersuchungsausschuss fest, ohne
Wissen oder gar Einverständnis der Kennedy-Brüder.
Der Bericht des CIA-Generalinspekteurs beschreibt das Auftreten des SASChefs
folgendermaßen: „FitzGerald informierte Cubela, dass die Vereinigten
Staaten vorbereitet sind, jeder antikommunistischen kubanischen Gruppe alle
notwendige Unterstützung zu gewähren. Sie sollte bei der Neutralisierung der
gegenwärtigen kubanischen Führung erfolgreich sein und eine ausreichende
Kontrolle haben, um die Vereinigten Staaten einladen zu können, die vorbereitete
Unterstützung zu geben.“ FitzGerald erklärte, er habe vor seinem Treffen
mit Cubela den damaligen Chef der Abteilung für verdeckte Operationen,
Richard Helms, konsultiert, und der habe entschieden, „es ist nicht notwenig,
die Zustimmung von Robert Kennedy dafür einzuholen, dass FitzGerald in
seinem Namen sprechen kann“.
Der persönliche Assistent von Präsident Kennedy, Arthur Schlesinger, erklärte
1978 in einem Interview mit dem BBC-Journalisten Anthony Summers
(Anthony Summers: „Conspiracy: Who killed President Kennedy?“ 1980) dem Geheimdienst
sei es damals offensichtlich darum gegangen, Verhandlungen mit Castro zu
hintertreiben: „Die CIA nahm die Mordkomplotts genau in der Zeit wieder
auf, in der Präsident Kennedy die Normalisierung der Beziehungen mit Kuba
erwog. Das war eine außerordentliche Aktion. Und wenn es keine völlige
Inkompetenz war – was man im Fall der CIA nicht ausschließen kann – dann
war es ein vorsätzlicher Versuch, die nationale Politik gewaltsam zu ändern.“
Den Untersuchungsgremien des US-Kongresses – und vielen, die sich mit
der Ermordung des Präsidenten beschäftigt haben – fällt auf, dass eine große
Anzahl der Personen, die zum Kreis der Zeugen oder sogar der Verdächtigen
im Mordfall Kennedy zählen und die oft auch an den Mordverschwörungen
der CIA, der Mafia und der Exilkubaner gegen Castro beteiligt waren, eines
plötzlichen Todes sterben, bevor sie Aussagen machen können. Auch einige
Journalisten, die den Mord recherchierten, werden entweder umgebracht oder
finden durch Unfälle oder Selbstmord den Tod.
Drei Journalisten sterben, nachdem sie begonnen haben, den Mord an dem
angeblichen Kennedy-Mörder durch Jack Ruby zu untersuchen. Bill Hunter
vom Long Beach Independent Press Telegramm wird von einem Polizisten
erschossen und Jim Koethe von der Dallas Times Herald in seiner Wohnung
mit einem Karateschlag ermordet. Dorothy Kilgallens vom New York Journal,
eine der bekanntesten Zeitungs- und Rundfunk-Journalistinnen der USA,
stirbt angeblich an einer Überdosis Beruhigungsmitteln. Ihre Freundin
Florence Smith, die eine Kopie ihrer Enthüllungen über Jack Ruby und seine
Verwicklung in den Kennedy-Mord verwahrte, wird zwei Tage später tot aufgefunden
– Diagnose Gehirnblutung. Bei keiner der beiden Toten wurde das
Manuskript gefunden. Dorothy Kilgallens Freundin war die Frau des USBotschafters
in Kuba und Batista-Bewunderers Earl T. Smith.
Im weiteren Sinne muss man auch Lisa Howard zu dieser Kategorie der
Opfer im Umfeld des Kennedy-Mordes rechnen. Sie setzte ihre Karriere
als bekannte Fernsehjournalistin aufs Spiel, um eine Normalisierung der
Beziehungen zwischen den USA unter Kennedy und Kuba zu erreichen.
Der US-Publizist Jim Marrs berichtet von insgesamt 103 Personen, die auf
irgendeine Weise mit dem Mordfall verbunden sind und unter sonderbaren
Umständen oder zeitiger als üblich sterben. (Jim Marrs: “Crossfire: The Plot to kill
Kennedy“, Carroll & Graf, 1990)
Da ist zuerst Oswald selbst zu nennen, der ja auch Kontakt zu den antikubanischen
Terroristen hatte. Unter immer noch nicht geklärten Umständen
wird er von Jack Ruby, der zum Kreis der kubanischen Mafiosi gehörte, umgebracht,
obwohl der angebliche Kennedy-Mörder von einer Schar schwerbewaffneter
Sheriffs geschützt wird. Auch Ruby stirbt 1967 mit 56 Jahren an
Lungenembolie. Er wartete immer noch auf ein endgültiges Urteil wegen der
Ermordung Oswalds.
Ein enger Partner und Vertrauter von Oswald, George de Mohrenschildt, verübt
1977 angeblich Selbstmord, kurz bevor er vom Untersuchungsausschuss
des Repräsentantenhauses vernommen werden soll. Der Ausschuss findet
heraus, dass Mohrenschildt, ein Geschäftsmann aus der Ölindustrie, enge
Beziehungen zur CIA hatte. Am Anfang seiner Bekanntschaft mit Oswald
befragt Mohrenschildt den CIA-Agenten in Dallas, J. Walton Moore, zu
Oswald und der erklärt ihm: „Der Mann scheint in Ordnung zu sein.“
Auch die Zugehörigkeit zu Mafia und CIA garantiert kein langes Leben. Am 27.
Juli 1967 fällt der Leiter der CIA-Abteilung verdeckte Operationen, Desmond
FitzGerald, mit 57 Jahren beim Tennisspielen tot um. FitzGerald, lange Jahre
Leiter der Kuba-Abteilung SAS des Geheimdienstes, hatte engste Kontakte
zur exilkubanischen Terroristenszene. Fünf Tage vor seiner Aussage vor dem
Senatsausschuss wird der Mafiaboss Sam Giancana am 19. Juli 1975 in Chicago
ermordet. Ein Jahr später verschwindet auch John Roselli in Miami plötzlich
von der Bildfläche und taucht erst nach Wochen wieder auf – als verweste
Leiche in einer Öltonne im Hafen. Beide waren an den Mordanschlägen gegen
Fidel Castro beteiligt und galten auch als Verdächtige im Kennedymord.
Und kurz vor Roselli stirbt auch einer der wichtigsten CIA-Kontaktmänner
der beiden Mafiosi und Leiter im Mordkomplott gegen Castro, der Chef des
Mordunternehmens ZRRIFLE, William Harvey, plötzlich an einem Herzinfarkt.
Harvey war im Frühjahr 1963 Leiter der CIA-Station in Rom geworden,
hatte aber trotz seines Ausscheidens aus ZRRIFLE zumindest mit Gangster
Roselli noch bis mindestens 1967 Kontakt gehalten. Darüber sollte er wenige
Wochen später vor dem Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses
aussagen. Auch Harvey gehörte zusammen mit einigen Mafiosi und Exil-
Kubanern zum Kreis der Verdächtigen im Mordfall Kennedy.
Den hohen CIA-Funktionär hatte der Ausschuss aus mehreren Gründen im
Visier. Aufgefallen war William Harvey dadurch, dass er aus seiner Verachtung
und sogar seinem Hass auf die Kennedy-Brüder kein Hehl machte. Dazu kam
seine enge Freundschaft zu Gangster Roselli. Harvey war auch Mitarbeiter
an einem ultrageheimen CIA-Programm, in dem US-Agenten als Überläufer
getarnt in die Sowjetunion geschickt wurden – Oswald lässt grüßen.
Außerdem
hatte der Geheimdienstagent für sein Mordprogramm ZRRIFLE auch ein
Täterprofil potentieller Totschläger ausgearbeitet, das in seiner Akte gefunden
wurde. Es passt zu Oswalds Anstrengungen, mit der linken Szene in den USA und mit Kuba Kontakte herzustellen. Harvey schreibt, ideal wäre ein Täter mit
Beziehungen zu Kommunisten. Das könne nützlich sein, falls der Täter entdeckt
werde.
Ein Zeuge, für den sich der Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses
sehr interessiert, ist David Sanchez Morales. Er hat sich in der
CIA den Ruf eines zuverlässigen Mörders erworben. William Harvey und Ted
Shackley, die beiden Chefs der CIA-Station JMWAVE in Miami, lernt er während
deren Tätigkeit in der Westberliner CIA-Zentrale kennen.
Dann hilft
der US-Bürger mexikanischer Abstammung beim CIA-Putsch in Guatemala,
geht an die Botschaft nach Caracas, wird 1958 in Kuba eingesetzt, um Diktator
Batista gegen die Revolutionäre zu unterstützen und ist mit seinen CIAFreunden
David Atlee Philips, Tracy Barnes und Felix Rodriguez sowie
Mafioso Johnny Roselli von Anfang dabei, als es gegen Kuba und Castro geht.
Er ist zweiter Mann der CIA-Station Miami und macht bei der Operation 40,
dem Projekt ZRRIFLE (Mord auf Bestellung) und vielen anderen Plänen mit,
Castro umzubringen.
1970 hilft er, in Chile den Mord an General Schneider
und 1973 den Putsch gegen Allende zu organisieren. Dem Ausschuss und seinem
Chef-Untersucher Gaeton Fonzi liegen Indizien vor, die den CIA-Mann
höchst verdächtig machen. Morales wird auf die Liste der zu Vernehmenden
gesetzt – doch am 8. Mai 1978, kurz vor dem Befragungstermin, stirbt er mit 52
Jahren an einem Herzanfall.
Kennedy-Berater Arthur Schlesinger jr. vermutet, man könne die Verantwortlichen
für den Kennedy-Mord eher unter den exilkubanischen Castro-
Gegnern in den USA finden. Und ohne William Harvey und David Morales
zu erwähnen setzt er hinzu: „Auch eine Beteiligung abtrünniger CIA-Leute
ist nicht auszuschließen.“ („Der JFK-Mord – wieder aufgerollt“, US-Dokumentation
1998) Ob Schlesinger zu dieser Gruppe auch die beiden prominenten CIATerroristen
David Atlee Philips und Howard Hunt rechnet, die Organisatoren
des Staatsstreichs gegen Guatemala sowie des US-Terrorfeldzugs in den
60er Jahren gegen Kuba, ist nicht bekannt. Während der Ermittlungen durch
Gremien des US-Kongresses über den Kennedy-Mord gehören beide zum
Kreis der Verdächtigen, ohne dass ihnen dann etwas nachgewiesen werden
kann.
Aber am 6. Oktober 2004 äußert sich Hunt, inzwischen 86 Jahre alt, in
einem Interview mit dem Magazin Slate des Microsoft-Networks MSN auch zur Ermordung des US-Präsidenten. (www.msn.com) Auf die Feststellung der
Interviewerin „Mir ist bekannt, dass es eine Verschwörungstheorie gibt, der
zufolge David Atlee Philips in den Mord an JFK verwickelt war“, entgegnet
Hunt: „Dazu habe ich keinen Kommentar.“ In Klammern steht an dieser
Stelle, dass er auf die Frage „deutlich beunruhigt“ (visibly uncomfortable)
reagiert habe. „Und es gibt ja sogar die Verschwörungstheorie, dass Sie an
dem Tag in Dallas waren, als JFK getötet wurde“, hakt die Journalistin nach.
Ziemlich abrupt kommt die knappe, aber auch viel sagende Antwort: „Kein
Kommentar.“