Überlebt die Revolution?
Diese Frage stellte Fidel Castro im November 2005 in einer Rede in Havanna. Deren Text ist jetzt in einem Buch auf deutsch erschienen
Arnold Schölzel , jw vom 19.05.2006
Es hat längere Zeit gedauert, bis außerhalb Kubas bewußt wurde, welches Problem Fidel Castro in seiner Rede vom 17. November 2005 in der Universität Havanna aufgeworfen hatte: Er ging den Ursachen für das Scheitern von Revolutionen generell und speziell der Frage nach, unter welchen Voraussetzungen sich die kubanische Revolution auch in Zukunft halten kann. Heinz Dieterich, der im Berliner Kai Homilius Verlag soeben diese Rede unter dem Titel: »Kuba – nach Fidel. Kann die Revolution überleben?« herausgegeben hat, schreibt in der Einleitung zu dem Buch: »Es handelte sich um ein seismisches Beben revolutionärer Erkenntnistheorie und Politik.« Allerdings habe die weltweite Solidaritätsbewegung mit Kuba nicht auf »die Aufforderung des Comandante« reagiert, »Ideen beizutragen, die den Kollaps des Prozesses verhindern könnten. Sie schweigt, und in einigen Fällen läßt sie die Rede Fidels sogar aus den öffentlichen Debatten verschwinden.«
Das dürfte sich für die deutsche Kuba-Solidaritätsbewegung nun ändern. Am Sonnabend steht die Mitgliederversammlung des Netzwerks Cuba in Berlin bevor, auf der Castros Rede Hauptthema sein soll, ebenso wie in der anschließenden öffentlichen Podiumsdiskussion.
Ausgangspunkt dürfte eine zentrale Passage in der Rede des kubanischen Staatspräsidenten sein, in der es heißt: »Welche Ideen oder welcher Grad des Bewußtseins würde die Umkehr eines revolutionären Prozesses unmöglich machen?« Castro stellt und beantwortet diese Fragen in einem konkreten Kontext. Seine Antwort ist kurz und knapp: »Dieses Land kann sich selbst zerstören. Diese Revolution kann sich zerstören, aber die Vereinigten Staaten können es heutzutage nicht mehr. Wir ja, wir können sie zerstören, und es würde unsere Schuld sein.« Das letzte Drittel der Rede, deren Text in dem Buch 100 von 178 Seiten einnimmt, widmet sich aus dieser Perspektive den im Herbst beschlossenen Maßnahmen der kubanischen Regierung zur Bekämpfung von Verschwendung. Diktion und zentraler Gegenstand der Ausführungen besagen: Die Erfahrungen des alltäglichen Kampfes bei der Verteidigung der Revolution und für die Festigung ihrer Grundlagen sind das wichtigste für ihr Überleben. Oder um es mit Lenin zu sagen, der am 30. November 1917 kurz nach der Oktoberrevolution notierte: »Es ist angenehmer und nützlicher, die ›Erfahrungen der Revolution‹ durchzumachen, als über sie zu schreiben.«
Castro negiert nicht etwa theoretische Überlegungen, er weist nur wiederholt darauf hin, daß sogenannte ideologische Klarheit nicht vor größten praktischen Fehlern, vor allem in der Volkswirtschaft, mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung und den Staat schützt. In diesem Sinn argumentierte auch Felipe Pérez Roque, der Außenminister Kubas, dessen Rede vor dem kubanischen Parlament vom 23. Dezember 2005 ebenfalls in diesem Buch enthalten ist. Roque knüpfte an Castros Rede und die dadurch entfachte Diskussion in Kuba an. Aus seiner Sicht gibt es drei »grundsätzliche Prämissen« (nicht »Maßnahmen«, wie der Zwischentitel im Buch lautet) für das Überleben einer Revolution: moralische Autorität der politischen Führung, Unterstützung durch die Bevölkerung und die Eigentumsfrage.
Insbesondere auf diese drei Punkte geht Dieterich in diesem Band ein. Er stimmt dem ersten Vorschlag zu (»abwarten«) und diskutiert den zweiten als Widerspruch zwischen Ethik und Konsum. Er merkt u. a. an: »Höhere Bildung, Wissen und Information sind keine Gegenmittel zum Konsum.« Der Appell an revolutionäre Disziplin und ethische Werte werde »das Gesamtpanorama der Situation nicht verändern«. Den dritten Punkt ergänzt Dieterich mit der Bemerkung, es sei nicht nur »zentral, wer vom erarbeiteten wirtschaftlichen Überschuß profitiert, sondern auch, wer über ihn entscheidet.«
Damit dürfte eine Debatte eröffnet sein, die nicht neu ist. Nützlicher bleibt in jedem Fall die Revolution selbst.
Fidel Castro/Felipe Pérez Roque/Heinz Dieterich: Kuba – nach Fidel. Kann die Revolution überleben? Kai Homilius Verlag, Berlin 2006, 178 Seiten, 9,90 Euro
Podiumsdiskussion mit Botschafter Gerardo Penalver Portal und Heinz Dieterich: Überlebt der Sozialismus auf Kuba? Samstag, 20. Mai, Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, Berlin-Mitte (U-Bhf. Rosa-Luxemburg-Platz)
Dokumentiert: Auszug aus der Rede Fidel Castros vom 17.November 2005
»Liebe Studenten, die Frage, die ich vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen aufwerfe, lautet: Kann ein revolutionärer Prozeß umkehrbar sein oder nicht? Welche Ideen oder welcher Grad des Bewußtseins würde die Umkehr eines revolutionären Prozesses unmöglich machen? Wenn die ersten, die Veteranen, verschwinden und die neuen Generationen von Führenden übernehmen, was sollen diese tun, und wie sollten sie es tun? Wenn doch schon wir Zeugen so vieler Fehler waren, von denen wir nicht einmal merkten, daß wir sie begingen. Die Macht, die ein Führer hat, wenn er das Vertrauen der Massen genießt, wenn sie seinen Fähigkeiten vertrauen, ist riesig. Die Folgen eines Fehlers derjenigen, die größte Autorität besitzen, sind schrecklich, und das ist in den revolutionären Prozessen mehr als einmal passiert.
Das sind Dinge, über die man nachdenkt. Man studiert die Geschichte. Was ist hier passiert, was ist dort passiert, denkt darüber nach, was heute geschehen ist und was morgen geschehen wird. Das Land hat begrenzte Ressourcen gehabt, sehr begrenzte; aber dieses Land hat nichts anderes getan, als Ressourcen zu verschwenden, in aller Ruhe und das, während man euch ein kleines geruchloses Stück Seife gab und Zahnpasta, damit ihr euch die Zähne putzen konntet, diszipliniert, jeden Tag...
Manche glaubten, daß sie mit kapitalistischen Methoden den Sozialismus aufbauen würden. Das ist einer der großen historischen Fehler. Ich will nicht davon sprechen, ich will nicht theoretisieren; aber ich habe eine Unzahl von Beispielen, daß man bei vielen Dingen, die gemacht wurden, immer danebengehauen hat und zwar diejenigen, die als Theoretiker angesehen wurden, die durch und durch die Bücher von Marx, Engels, Lenin und aller anderen studiert hatten. Deshalb habe ich jene Worte gesagt, daß einer unserer größten Fehler zu Beginn und oft auch im Verlaufe der gesamten Revolution war zu glauben, daß irgend jemand wisse, wie der Sozialismus aufgebaut werden könne.« |